OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Anmerkung DE: Autor des nachstehenden Beitrag bin nicht ich, der Text ist von OTTO TITAN VON HEFNER (1827-1870)

Abschrift des ersten Teils des Handbuchs, Von aus dem Jahre 1861.
Schreibweisen wurden, der besseren Lesbarkeit angepasst (z.B. System statt Sisthem, Tor, statt Thor, etc..)


Handbuch Der theoretischen und praktischen Heraldik
unter steter Bezugnahme auf die übrigen historischen Hilfswissenschaften.

Erster Teil Theoretische Heraldik
unter Anführung von 2813 Beispielen und mit Erklärung der heraldischen Ausdrücke in sechs Sprachen
erläutert durch XXXVI auf Stein gezeichnete Tafeln mit 1457 Figuren, unter Aufsicht und nach Originalen des Verfassers gefertigt,

Von OTTO TITAN VON HEFNER. Dr. phil., Ehren- u. korrespondierendes Mitglied mehrerer historischer Gesellschaften, Herausgeber des Allgemeinen Stamm- u. Wappenbuches

München, Heraldisches Institut, 1861

Typografischer Druck von C. fr. Meyer in Weissenburg i/N

Vorbemerkung

Obwohl ich sachgemäß erst nach Schluss des ganzen Werkes, beziehungsweise nach Erscheinen des zweiten Teiles dieses Handbuches in der Lage sein werde, ein eigentliches Vorwort schreiben zu können, so glaube ich doch schon diesem ersten Teile einige einleitende Bemerkungen vorausschicken zu müssen.

Das Bedürfnis nach einem Lehrbuche der Heraldik, das den Anforderungen des jetzigen Standes dieser Kunst und Wissenschaft genüge, ist von allen Fachmännern anerkannt. Mit vorliegendem Bande suchte ich diesem Bedürfnisse abzuhelfen, und da ich, wie der Titel besagt, nur ein Handbuch, ein Kompendium, der Heraldik zu liefern im Auge hatte, so werde ich mich auch kaum zu entschuldigen haben, wenn der Leser in diesem Buche nicht gerade alles Das finden sollte, was er etwa in einem umfassenden Codex heraldicus zu suchen berechtigt wäre. Dennoch darf ich behaupten, dass unter gleichen Voraussetzungen kaum eines der bisher erschienenen Lehrbücher dem vorliegenden an Umfassendheit gleichkommen dürfte. Ich wenigstens kenne kein Kompendium der Heraldik, das in seinem ersten Teile der Theorie allein eine Anzahl von 2873 Wappen wirklich beschrieben und durch 1457 Figuren erläutert hatte, Außerdem dürfte überhaupt noch keine Schrift über das Wappenwesen erschienen sein, welche die technischen Ausdrücke in sechs Sprachen, d.h. deutsch, lateinisch, französisch, englisch, italienisch und holländisch wiedergegeben hätte. Ich lege auf letzteren Umstand insofern einiges Gewicht, als es für den Historiker von großem Vorteile sein muss, einzelne Stellen aus fremdländischen Autoren, sofern diese auf Heraldik Bezug nehmen, sich auf eine leichte Weise verständlich machen zu können. Ein eigenes Register dieser heraldischen Ausdrücke der sechs Sprachen kann erst mit dem Schlusse des Werkes beigegeben werden. Ich darf mir ferner erlauben, hervorzuheben, dass in vorliegendem Werke so manche Dinge behandelt seien, welche obwohl zur Heraldik gehörend, von früheren deutschen Heraldikern gänzlich verabsäumt wurden, z.B. die Kapitel von den Badges, Fahnen, Orden, Devisen usw.

Endlich mache ich wiederholt darauf aufmerksam, dass mit gegenwärtigem Bande nur der erste Teil eines solchen Handbuches geliefert ist, nämlich die Theorie der Heraldik, Erst mit dem zweiten Teil, der Praxis der Heraldik, wird das Werk zum vollkommenen Abschluss gelangen und ich erlaube mir hier vorläufig nur zu bemerken, dass darin von fast ebenso vielen wesentlichen Dingen, als dem Entwerfen der Wappen, der Blasonierung, Kritisierung, Historisierung, Nationalcharakterisierung, vom Rechte und Gebrauch der Wappen (usage des armoiries) die Sprache sein.

Ich darf auch nicht unerwähnt lassen, und dem aufmerksamen Leser wird dies kaum entgehen, dass ich nicht nur die vorzüglichste gedruckte alte und neue Fachliteratur aller Länder, soweit sie mir zugänglich, gewissenhaft benutzt und zitiert habe, sondern auch durch archivalische und handschriftliche Studien, durch persönliches Aufsuchen heraldischer Denkmale in verschiedenen Teilen Deutschlands und außerhalb desselben, sowie endlich durch freundliche Beiträge vieler in- und ausländischen Gelehrten in den Stand gesetzt worden bin. Das zu leisten, was ich geleistet habe, und dessen Beurteilung ich Kennern der Sache überlassen muss.

Geschrieben zu Weissenburg im Nordgau, am 21, September 1861,

von Hefner.

Übersicht der Kapitel

  • Eingang als Vorwort III
  • Namen und Begriff der Wappen 1
  • Namen und Begriff der Heraldik 3
  • Ursprung und Ausbildung der Wappen und der Heraldik 9
  • Quellen der Heraldik 16
  • Gattung der Wappen 29
  • Die Bestandteile eines Wappens 34
  • Farben und Pelzwerke 35
  • Der Schild 49
  • Die Schildesbilder 56
    • A. Heroldsstücke 57
    • B. Gemeine Figuren,69
      1. Aus dem Tierreich:
        1. Mensch 70
        2. vierfüßige Tiere 72
        3. Vögel 78
        4. Fische, Amphibien und Insekten 82
      2. Aus dem Pflanzenreich 84
      3. Erd- und Himmelskörper 88
      4. Ungeheuer 90
      5. Künstliche Figuren:
        1. Werkzeuge, Gerätschaften, Fahrnisse 93
        2. Bauwerke 100
        3. Kleidung, Waffen 102
        4. Kreuze, Zeichen und Marken 105
  • Der Helm 108
  • Die Helmkleinode 117
  • Die Helmdecken 129
  • Beizeichen 132
  • Kronen, Hüte und Mützen 144
  • Schildhalter 148
  • Orden und Würdezeichen 151
  • Erkennungszeichen, Sinnbilder etc. 158
  • Banner, Fahnen und Flaggen 162

Namen und Begriff der Wappen,

Die Definition, welche Gatterer1 von Wappen gibt, lautet: Wappen sind von dem höchsten Regenten eines Staates bewilligte Zeichen der Personen und Länder. — Schmeizel2 ist umständlicher. Er sagt: Ein Wappen nach heutiger Beschaffenheit ist ein Kennzeichen, das aus Schild und Helm besteht, in und auf ihnen allerhand Figuren von unterschiedlicher Art und Farben zu sehen und von der Obrigkeit demjenigen erblich beigelegt wird, der durch tapfere Taten oder auch rechtschaffen Dienste sich um das Publikum meritiert gemacht. — Bernd ((OTvH:Hauptstücke der Wappenwissenschaft, Bonn 1841.) endlich sagt: Wappen sind gewisse Zeichen und Bilder zur Kennzeichnung und Unterscheidung, sowohl einzelner Personen und Familien als auch ganzer Länder und Städte voneinander.

Zu diesen drei Definitionen von dreien der ersten heraldischen Autoren lasse sich so ziemlich auch die Richtung der ganzen Schule erkennen, ich kann aber nicht umhin, zu behaupten, dass keine dieser drei Definitionen der Sache genüge, denn es fehlen ihnen trotz der Gelehrsamkeit, in die sie sich zu hüllen scheinen, zwei Haupterfordernisse jeder Definition — Klarheit und Erschöpfung des zu definierenden Begriffes. Der erste Autor z.B. macht das Wesen eine Wappens von der Bewilligung des höchsten Landesregenten abhängig, fertigt aber die eigentliche Charakteristik eine Wappens selbst mit „Zeichen» ab. Nun ist vorerst eine derartige Bedingung gänzlich unwesentlich, denn ein Wappen ist und bleibt ein solches mit oder ohne Bewilligung eines Landesregenten, sodann führen nicht nur „Personen und Länder», sondern auch Städte, Märkte, Gesellschaften, Vereine, Orden etc. Wappen, und endlich ist ein Wappen kein Zeichen. Die Definition des Schmeizel hinkt gleich im Anfange dadurch, dass sie nicht allgemein den Begriff von Wappen sich festzustellen getraut, sondern gleich hinzufügt „nach heutiger Beschaffenheit“ und vergisst, dass das Wappen eben sowohl aus dem Schilde allein als aus noch vielen anderen Stücken bestehen könne. Die dritte Erklärung endlich schließt sich im Wesentlichen an die beiden Vorhergehenden an, sie leidet aber an einem bedeutenden Formfehler, indem sie den Begriff Zeichen durch Kennzeichen erklären will, und Zeichen und Bilder gleichbedeutend nebeneinander stellt, während sie sich in ihren Begriffen geradezu gegenüberstehen.

Meine Anforderungen an das Wesen eines Wappens gestalten sich von obenerwähnten gänzlich verschieden und deshalb wird meine Definition von Wappen auch eine gänzlich verschiedene sein. Ich sage:

Wappen sind nach bestimmten Grundsätzen und Regeln der Wissenschaft und Kunst entworfene Bilder, deren Führung oder Gebrauch ein gutes Recht für sich hat oder beansprucht.

Die Grundsätze und Regeln, nach welcher derartige Bilder entworfen sein müssen, um als Wappen zu gelten, lehrt die Heraldik. Das Recht zur Führung ist entweder hergebracht oder gesetzlich neu erworben oder auch nur angemaßt,

Die äußeren Erscheinungen, welche jedes Wappen dem Beschauer bieten muss, um von ihm als ein solches erkannt und benannt werden zu können, sind:

  1. Dass ein fragliches Bild als Hauptgegenstand einen Schild enthalte.
  2. Dass in diesem Schilde sich mindestens eine bestimmte Linienabgrenzung oder Figur finde.
    Ein weiteres, doch nicht unumgänglich notwendiges Erkennungszeichen eines Wappens ist es, wenn:
  3. Auf, neben oder über dem Schilde sich Kronen, Helme, Decken, Schildhalter, Orden und dergleichen Attribute zeigen.

Bei richtiger Auffassung der Definition und Festhaltung dieser Merkmale wird niemand in die Lage kommen, ein Wappen zu mißkennen.

Am häufigsten werden von Historiker Begriff und Bezeichnung von Siegel und Wappen verwechselt, und ich will deshalb zur Feststellung des sehr wesentlichen Unterschiedes diesen beiden Kunstprodukten den Begriff eines Siegels hier geben, durch dessen Verständnis niemand in den Fall kommen wird, Zweifel zu hegen, ob er ein Wappen oder ein Siegel vor sich habe.

Siegel ist der Abdruck eines vertieft gegrabenen Stempels in Wachs, Lack, Mehlteig oder Metall mit dem Nebenbegriff. dass dieser Abdruck zur Bekräftigung einer Urkunde zu dienen, oder gedient habe. Ein Abdruck oder Abguss eines Originalsiegels oder Stempels, der den Zweck der Fertigung nicht hat, sollte billigerweise auch nicht Siegel genannt werden.

Über die Einteilung, Form etc. der Siegel werde ich bei den Quellen der Heraldik Weiteres beibringen. Hier will ich nur so viel bemerken, dass es Siegel gibt, welche mehr oder minder vollständige Wappen enthalten, ohne deshalb ihren Begriff und ihre Eigenschaft als Siegel zu verändern.

Es erhellt hieraus, dass man allerdings sagen könne: an der Urkunde hängt ein Siegel mit dem Wappen des N.N., nie aber: an der Urkunde hängt das Wappen des N.N.; ebenso nicht: er hat sein Wappen darunter gedruckt, sondern: er hat ein Siegel mit seinem Wappen dazu gedruckt, oder: hat mit seinem Wappen gesiegelt. Der Begriff von Wappen ist also viel weiter als der von Siegel, und die Anwendung eines Wappens ist in Bezug auf Form, Stoff. Ort und Größe weit ungebundener und hundertfach mannigfaltiger als die eines Siegels.

Wenn ich hier in der Feststellung des Unterschiedes zwischen Siegeln und Wappen etwas ausführlicher geworden bin, als manchem wohl nötig scheinen mochte, so rechtfertige ich dies einfach damit, dass ich nur für Diejenigen schrieb, welchen die wesentliche Verschiedenheit dieser beiden Produkte der Kunst weniger geläufig war, in der guten Absicht, damit die störenden Verwechselungen dieser Dinge in historischen Arbeiten vermieden zu sehen; denn es ist in der Heraldik neben einer schlechten Blasonierung nichts störender, als eine Verwechslung dieser Grundbegriffe.

Über den Ursprung des Namens Wappen ist man nicht mehr im Zweifel. Die Wappen, oder besser die bemalten Schilde und die Kleinode auf den Helmen waren ein Teil und eine Zierde der Waffen. Der Ausdruck gewappnet ist noch im 15. Jahrhunderte gleichbedeutend mit gewaffnet, und in allen Sprachen der abendländischen Völker ist die Ähnlichkeit beider Begriffe in den Namen geblieben, z.B. armes und armoiries, arma, insignia; wapen (holländisch), vapen (schwedisch) und armer, bewaffnen usw. Die Engländer nennen die Wappen auch coats oder coat of arms, von der ritterlichen Sitte der Wappenröcke entnommen. Der polnische Name für Wappen ist herb, der russische gerbje; den Italienern ist arme gleichbedeutend für Wappen und Waffen.

Der einzige Ausdruck, den wir nicht genügend zu erklären vermögen, ist die in späteren Zeiten von den Franzosen angenommene Bezeichnung: Blason für Wappen. Die französischen Heraldiker kennen nur den Begriff, nicht aber den Ursprung des Wortes, und wir Deutsche haben den Ausdruck blasnieren oder Blasonierung für regelrechte Beschreibung eines Wappens, Ob aber die deutsche Heraldik von der französischen oder umgekehrt die letztere von der ersteren das Wort entlehnt habe, darüber fehlen sichere Nachweise, Palliot (Indice armorial S. 95) sagt, die Franzosen hätten das Wort Blason von den Deutschen entlehnt und Spener mit seinen Nachfolgern wollen es von dem Worte blasen oder Blässe ableiten, weil man bei den Turnieren „geblasen» und die Wappen „Blässe» genannt habe, Neuere Forschungen ergeben, dass blasoner in alten französischen Urkunden auch für loben, und ebensowohl für tadeln, louer und medire angewendet worden sei.

  1. OTvH: Abriss der Heraldik oder Wappenkunde, Nürnberg 1774, S.1. []
  2. OTvH:Einleitung zur Wappenlehre, Jena 1723. S. 81. []

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