Tina Noroschadt (Revue) übers Studieren in Aachen

Vorgestern machte mich ein Freund und alter Aachener darauf aufmerksam, dass die Luxemburger Zeitschrift “Revue”1 gerade eine Artikelserie über die Luxemburger Studenten und ihre Universitätstädte veröffentlicht und diese Woche wäre Aachen dran! Also kaufte ich mir ausnahmsweise mal wieder die Revue und las wundersame Dinge:

Für den Text (des Revueartikels) zeichnet Tina Noroschadt verantwortlich, für die Fotos Ute Metzger. Mit den beiden Aachener Studenten Michel H. und Dominique D. wollen sie sich morgens am Marktplatz getroffen haben, und es sei sehr viel los gewesen.2

Die berühmten Aachener Luxemburger

Tina erklärt irgendwann im Verlauf des Artikels, welche berühmten Luxemburger in Aachen waren:

Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren auch zwei bekannte Luxemburger unter den Absolventen dieser Hochschule: Arbedbegründer Emile Mayrisch und sein Vetter Emile Metz.

Oh, das ist aber jemand in die Falle getappt, das ist schlecht recherchiert!

  • Zwar waren die beiden Emils in der Tat Vetter und auch wirklich beide an der RWTH, aber
  • Emile Mayrisch brachte es nicht zum Absolventen, er brach sein Studium ab,
  • und Emile “Petit” Metz brachte zwar das Studium zu Ende, er ist aber kein bekannter Luxemburger. Tina verwechselt ihn wohl mit seinem gleichnamigen Verwandten. vgl. Biographie Nationale Les METZ, la Dynastie du Fer par Jules Mersch. Die Luxemburger Nationalbibliothek hat diese Werk inzwischen online und gratis jedem Internauten zur Verfügung gestellt!

Nun wo ich es lese: Dieses Jahr hatte mich Tinas Interviewpartner Michel H., der Präsident des AVL, mal nach “berühmten Aachenern” gefragt. Ich hatte ihm einige genannt darunter auch die beiden Emils, aber auch auf die Falle hingewiesen! Und statt eines Zeitgenossen wie Ranga Yogeshwar3 schaffen es nun gerade diese beiden verstaubten Industriellen des 19. JH in den Artikel? Geht der Mangel an Sorgfalt nun auf Michel H. zurück, oder hat Tina nicht richtig zugehört? (von selber recherchiert wollen wir mal gar nicht reden).

Der Bummelstudent

In ersterem Falle wäre das ja vielleicht Michel H.s subtile Rache, der demnach wohl ahnte, dass Tina ihn in die Pfanne hauen würde. So entlockte sie ihm :

Die Prüfungen und das Studium seien nicht immer einfach. “Eigentlich müsste ich jetzt schon im Hauptstudium sein, doch mir fehlt noch eine bestandene Klausur für mein Vordiplom.

Also zunächst einmal ist es ausgesprochen taktlos, einen Studentenfunktionär nach seinem schulischen Leistungen zu fragen. Natürlich verlangsamt sich der Fortschritt im Studium, wenn man wie Michel H. sich sozial engagiert und so auch z.B. als Interviewpartner zur Verfügung steht und es der Revue ermöglicht ihre Spalten zu füllen!

Im Sinne gutem Journalismus wäre es durchaus gewesen, dem Leser die Bedeutung von “eigentlich” zu erläutern, zumindest jenen, die selber nicht an einer deutschen Universität studiert haben. Im 7. Semester und ihm fehlt lediglich nur noch eine Prüfung zum Vordiplom ist in Deutschland noch ein durchaus normaler Wert! Unnormal wäre er nur dann wenn man für die Einschätzung der Studienleistung die völlig unrealistische theoretische Regelstudiendauer zu Grunde legt! Diese irreführende Bezeichnung ist aber ein juristischer, kein akademischer Begriff, Zitat von Wikipedia:

Die Regelstudienzeit unterscheidet sich mitunter deutlich von der durchschnittlichen Studiendauer. So wird zum Beispiel die Regelstudienzeit für den Diplom-Studiengang Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln mit 9 Semestern angegeben – die durchschnittliche Zeit beträgt jedoch 15,8 Semester.

Noch nicht mal 10% der Studenten schaffen ihr Studium überhaupt in der sog. Regelstudienzeit. Aber mit diesen Fakten behelligt Tina den Leser nicht! Nicht mit seinem sozialen Engagement begründet sie die Verlangsamung von Michels Studium, sondern zitiert ihn unverantwortlicherweise weiter:

Andererseits kann ich so auch noch etwas länger das Studentenleben genießen», grinst Michel verschmitzt.

um gleich allen unstudierten Eltern und Personalern ihre Vorurteile weiter zu bestätigen:

Luxemburger Studentenpartys von Freunden im nahe gelegenen Lüttich sind für den angehenden Bauingenieur eine willkommene Abwechslung vom Uni-Alltag.

Aha! Weil er also zu viel feiert und “es sich gut gehen lässt” ist er im Verzug! Das ist ja fast schon Rufmord! Zwar erwähnt der Artikel einen Onkel, der eine Baufirma hätte für die er auch schon gejobbt hat, aber vielleicht muss er sich ja trotzdem mal bei anderen Firmen bewerben, und sei es auch nur für ein Praktikum. Und wie wir leider wissen, lesen auch Personaler viel lieber Klatschgeschichten als Fachliteratur.

Warum macht sie das? Ist es die Retourkutsche dafür, dass Michel sie in den Aachener Dom geschleppt (und dort kluggeschissen) hat?

Die beiden Hochschüler führen uns weiter zum Weltkulturerbe Aachener Dom, dem bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Der Besuch dieses Gotteshauses mit seinem imposanten Kuppelbau gehört für Michel (…) zum Pflichtprogramm..

Denn vielleicht ist Tina Noroschadt ja identisch mit der Frau, die im SS 2001 an der Uni Kiel über Walther von der Vogelweide referiert4 hat und mag an ihre Jugendsünden nicht mehr als unnötig erinnert werden? Über das Mittelalter müsste sie demnach besser Bescheid wissen als über das 19. Jahrhundert. So schreibt sie auch noch:

Schließlich ruhen im Dom die Gebeine von Karl dem Großen, der im 9. Jahrhundert in Aachen seine Residenz errichtete und später hier auch zum römischen Kaiser gekrönt wurde.

Wieder ein Mangel an Präzision, denn der römische Kaiser wurde natürlich nie in Aachen, sondern in Rom gekrönt, auch nicht Karl der Grosse.5

Die tolle Wissenschaftlerin

Deutlich besser als Michel kommt bei Tina die Öslingerin Dominique D. aus Eselborn weg, die Beschreibung ihres studentischen Daseins nimmt gelegentlich schon mal die Züge einer Hagiographie an:

Die 23-Jährige ist begeistert von ihrem Chemiestudium (…) Die hohen Anforderungen im mathematisch-physikalischen Bereich, den Anspruch, viel Faktenwissen in kurzer Zeit aufzunehmen sowie täglich unzählige Stunden im Labor stehend zu arbeiten, hat die junge Studentin mit den braunen Locken6 fast mit Leichtigkeit erfüllt. Das Studium sei ihr eigentlich nie richtig schwer gefallen. «Mein Grundstudium bestand aus vielen Stunden im Labor und danach vielen Stunden Protokollschreiben. Mein Vordiplom habe ich mit 1,7 bestanden», erzählt Dominique, die in Ihrer Freizeit gerne mit den Inline-Skates rund um das Aachener Klinikum düst.

Da es nach Luxemburg nur ein Katzensprung mit dem Auto ist7, fährt die angehende Wissenschaftlerin mit ihrem eigenen Auto oft nach Hause. Dann steht für sie als Mitglied des Musikvereins Clervaux eine Probe und häufig auch ein Auftritt auf dem Programm.8 Die Hornistin spielt auch im RWTH-Orchester.
(…)

Die fürsorgliche Redakteurin quält die Frage “Hatte sie eigentlich gar keine Angst an einer notorischen Männerhochburg wie der RWTH zu studieren?“, was Dominique aber lobenswerterweise mit “Außerdem ist der Anteil von Frauen und Männern in der Chemie fast gleich” zurecht rückt. Die Journalistin weiss wohl nicht, dass die Probleme für Frauen in Männerberufen sich nicht bereits im Studium zeigen, sondern erst bei der Arbeitsplatzsuche und dann im Berufsleben, besonders bei Gehälter- und Karrierefragen. Vermutlich wird Dominique nachher sowieso keine Forscherin bei BASF in Ludwigshafen sondern Chemielehrerin in Wiltz. Denn angeblich mag Dominique es ohnehin lieber beschaulicher:

An einer Massenuniversität wie in Paris, München oder Berlin wäre sie sich verloren vorgekommen.

Soso: eine Hochschule an der, wie der Artikel an anderer Stelle behauptet 40.000 Studenten eingeschrieben sind, ist keine Massenuniversität? Eine Begriffsverwirrung wohl, vermutlich meinte sie “Groß- oder Weltstadt”.

Unter einem Foto von Dominique mit einer, sicher gestellten Laborszene steht:

Leidenschaft für Chemie: Die Studentin Dominique D. will nach ihrem Auslandssemester an der RWTH promovieren.

.
Was für eine klasse Frau! Der Artikel führt allerdings nicht aus, dass wegen der hohen Arbeitslosenquote bei Absolventen in dem Fach, die Promotion in Chemie inzwischen allgemein üblich ist und somit nur noch eine vergleichbare Leistung darstellt wie das schlichte Diplom in einem Ingenieurfach.

Es sieht für mich so aus, dass der Präsident der Autorin einfach unsympathisch war, derweil sie zur Geschlechtsgenossin eine überspriessende Klein-Mädchensolidarität entwickelte, als ob sie zusammen aufs Klo gingen! Wo ist da die kritische, journalistische Distanz? Einen Gefallen tut sie keinem der beiden, denn als Streberin dargestellt zu werden, kann den Ruf und die Karriereaussichten eines jungen Menschen genauso schädigen, wie die Unterstellung nicht ernsthaft genug beim Studieren zu sein. Selbst wenn sie nur zwischen den Zeilen zu finden ist.

Radfahren in Aachen


Am meisten verduzt hat mich aber, welch erstaunliche Beobachtung Tina und Ute in Bezug auf die Fahrräder machten:

Anders als in anderen Universitätsstädten trifft man in der Stadt auf ungewohnt wenig studentische Drahtesel. Kein Wunder, wegen der nahe gelegenen Eifel ist das Radfahren hier eine äusserst hügelige Angelegenheit. Auch Michel musste das feststellen und fährt seitdem lieber mit dem Bus zur Uni.

Und das auch noch in Blockschrift hervorgehoben!!? Oha! Also ich merke, ich bin wohl schon lange nicht mehr in Aachen gewesen! Zumindest zu meiner Zeit (siehe das Foto von 1988) war das Rad auch in Aachen DAS studentische Verkehrsmittel per Excellence. Ok, für uns war der Bustransport auch noch nicht gratis.

Dann muss man klarstellen, dass Aachen selbstverständlich hügeliger ist als eine Stadt wie Köln oder Karlsruhe am Rhein, oder Kiel an der Ostsee, aber keineswegs hügeliger als Esch-, Pétange oder Lintgen und erst recht nicht bergiger als Luxemburg-Stadt, wo ja inzwischen auch viele Radfahrer unterwegs sind.

Ob sie sich da nicht verkuckt hat? Welche anderen Städte hat sie im Sinn, wo hat Tina studiert? Zu meiner Zeit hiess es immer “In ganz NRW gibt es nur in Münster noch mehr Kirchen und Fahrräder als in Aachen“. Was wohl der ADFC Aachen dazu sagen würde wenn er das liest? Vielleicht nur, man sollte eine Recherche über eine Universitätsstadt ja auch nicht in der vorlesungsfreien Zeit machen!

  1. Webpage der Revue: http://www.revue.lu []
  2. Es muss also an einem Donnerstag gewesen sein, dann ist am Markt auch wirklich Markt. []
  3. Persönliche Homepage von Ranga Yogeshwar: http://www.yogeshwar.de/ []
  4. Edit 5-1-2015. Die Arbeit ist inzwischen vom Netz verschwunden. Damals war sie unter http://www.histosem.uni-kiel.de/lehrstuehle/wirtschaft/lehre/exkursion-suedwestdeutschland/vogelweide.pdf zu finden. []
  5. in Aachen wurden dagegen die deutschen Könige gekrönt []
  6. wie romantisch []
  7. richtig: nach Eselborn! so um die 80 km. In einen Ort tiefer im Süden des Landes ist es deutlich weiter! []
  8. Bei einem Mann hätte man bestimmt gemutmasst, er führe heim weil seine Mutter die Wäsche macht! []

75 Jahre UNEL

Was man auf alten Festplatten aber noch so alles findet?! z.B. den ersten Teil einer Artikelreihe die 1995 von mir in den UNEL News erschienen sind. Sie waren sozusagen die Generalprobe für Rull de Waak 1997:

75 Jahre UNEL

Die Vorkriegs-UNEL

Luxemburger Studentenvereine

  • die “Cercles” an den einzelnen Universitäten

    Voraussetzung für das Entstehen einer nationalen Studentenorganisation wie die UNEL, waren bereits vorhandene Strukturen. Da gab es zunächst die Luxemburger Studentenvereine an den einzelnen Universitäten im Ausland. Da Luxemburg keine eigene Universität besaß und besitzt, besuchten die Luxemburger seit alters her vornehmlich die Hochschulen der drei Nachbarländer und zwar vorzugsweise:

    • Jura in Paris, Nancy und Straßburg
    • Ingenieurstudien in Belgien und Deutschland ,hier vor allem Aachen
    • Medizinstudien wurden meist in Deutschland begonnen und in Frankreich beendet.

    Da die Studenten meist nur zwei bis dreimal im Jahr ins Heimatland zurückkehrten, insbesondere für die Weihnachts- rsp. Osterferien, bildeten sie an ihren Universitäten, sobald sie in ausreichender Zahl dort vertreten waren, Luxemburger Studentenvereine. Beispiele: 1880 Louvain, 1886 Aachen usw.
    Diese Vereine wollten zunächst vor allem den Zusammenhalt der Luxemburger in der Ferne sicherstellen und erreichten dies in erster Linie durch Folklore, Exkursionen, Vorträge selten auch Sport. Gerne werden sie, im studentischen Sprachgebrauch auch als “AMICALES” oder “Cercles” bezeichnet. Diese Form von Vereinen erwies sich bis jetzt als die dauerhafteste. Von Studentenfunktionären wird manchmal auch die Bezeichnung “Folkloreverein”, mit etwas verächtlichem Unterton gebraucht. Dies ist jedoch nicht angebracht, boten die Veranstaltungen dieser Vereine doch auch stets Foren, die Diskussionen und somit gewerkschaftliche Tätigkeiten überhaupt erst ermöglichten. So kam die Reform der UNEL von 1963 nicht zuletzt dadurch zustande, daß deren Hauptverfechter sich aus dem “Cercle des étudiants Grand-Ducaux à Liège” bestens kannten. Auch waren ,noch so erbittert, sich bekämpfende Kontrahenten in den Cercles gezwungen, sich doch zumindest zu dulden, was Entspannung brachte. Bestes Beispiel ist hier der Pariser Studentenverein während der sog. 68er “Revolte”.

    Ganz anderer Art waren da die beiden Vereine AV und ASSOSS.

  • Der AV

    Die Gründung des AV erklärt sich aus der politischen Situation in Luxemburg vor dem ersten Weltkrieg. Das Wahlrecht war an das Einkommen gebunden, so daß die überwiegend konservative katholisch denkende Landbevölkerung davon ausgeschlossen blieb. Die politische Szene beherrschten daher die bürgerlichen Liberalen und Sozialisten die sich zum Block der Linken zusammengeschlossen hatten. Die kath. Kirche wollte mehr Macht und vorallem einen laïzistischen Staat, den die Linken anstrebten verhindern. Es entstanden in allen Berufsgruppen prokirchliche Verbände, so auch aus der Gruppe um Pierre Dupong 1910, die “Association Catholique des étudiants luxembourgoises” (ACEL). Sie wurde aber fast immer mit dem Kurzwort der deutschen Bezeichnung Akademikerverein AV bezeichnet. Unterstand sie zwar nie direkt dem Bistum so vertrat sie doch fast immer dessen Meinung. Im Streit um die Monarchie 1918-1919 stand sie treu zur Großherzogin und der Unabhängigkeit des Landes. Der AV verfügte von Anfang an über einen Verband der Ehemaligen, der sog. “Alten Herren”. Der AV brachte die Zeitschrift “ACADEMIA” heraus, dessen berühmtester Schreiber der Abbé Batty Esch war. Das Verhältnis des AV zum Nationalsozialismus in Deutschland war gespalten, einerseits Kritik, anderseits gewisse Sympathie für dessen autoritäres Vorgehen zum vermeintlichem Schutz der Religion. Erst ab 1938 verwirft sie ihn. Der AV wir am 13.8.1940 auf Befehl der Gestapo aufgelöst und nennt sich nach der Befreiung in Association Luxembourgeoise des Universitaires Catholiques (ALUC) um. Aus dem AV gingen viele wichtige Politiker der Rechtspartei, rsp. CSV hervor: Pierre Dupong, Emile Schaus, Pierre Werner um nur diese zu nennen.

  • Die ASSOSS

    Die Association Generale des Etudiants Luxembourgois (AGEL) wird 1912 gegründet. Die AGEL will zunächst in politischer und religiöser Hinsicht neutral sein und alle Studenten aufnehmen1. Doch auf dem Hintergrund des Schulstreites um die “Loi Braun”, die von der ASSOSS begrüßt und gefördert wird, gerät sie sehr schnell in den Gegensatz zum AV. Vielleicht weil AGEL und ACEL so ähnlich klingen wird auch die AGEL fast nur mit dem Kürzel ASSOSS bezeichnet. Aus der politischen Situation vor dem ersten Weltkrieg, wie oben geschildert, erklärt sich auch daß die ASSOSS zum Sammelbecken für die Anhänger des Linksblocks wurde. Nach dem Waffenstillstand 1918 zerbricht die Linkskoalition im Streit um die Monarchie. Einige Mitglieder der ASSOSS befürworten die Republik, gar den Anschluß an Frankreich. Während in der Politik Liberale und Sozialisten, durch das allgemeine Wahlrecht unterschiedlich stark geworden, nun oft getrennte Wege marschieren, bleibt die ASSOSS eine gemeinsame Einrichtung. Ihren Zusammenhalt muß sie immer öfter durch radikalen Antiklerikalismus sicherstellen, was das Verhältnis zum AV belastet.
    Wie der AV ist auch die ASSOSS von Anfang an, kein reiner Studentenverein sondern hat eine sehr stark und einflußreiche Abteilung von Ehrenmitgliedern. Diese sind insbesondere liberalen Hüttenherren, weshalb die ASSOSS auch vorallem unter Ingenieuren sehr beliebt ist.
    Im Gegensatz zum AV bekämpft die ASSOSS ab 1933, unter ihrem Präsidenten Henri Koch und dessen unmittelbaren Nachfolgern, den Nationalsozialismus in Deutschland und warnt vor dessen Folgen. Ab 1936 geht sie aber wieder zu einer neutralen Haltung über. Henri Koch-Kent macht in seiner Biographie “Vu et Entendu” den Einfluß der Ehrenmitglieder verantwortlich, welche die wirtschaftlichen Interessen der von Deutschland stark abhängigen ARBED in Gefahr sahen. Die ASSOSS wird am 11.11.1940, ebenfalls auf Befehl der Gestapo, aufgelöst. Nach dem Krieg behält sie ihre Bezeichnung bei. Nachdem sie in den 50er und 60er Jahren noch wichtige Impulse lieferte, existiert sie seit Anfang der 70er Jahre allerdings nur noch auf dem Papier.

Aufgaben und Wirkung der Vorkriegs – UNEL

Nach dem ersten Weltkrieg wurden überall in Europa die Studenten sich ihrer Rolle mehr und mehr bewußt. In Deutschland entstanden an den Universitäten die Allgemeinen Studenten Ausschüsse (AStA). Auch AV und ASSOSS erkannten daß sie bei aller ideologischer Differenz gemeinsame Forderungen (gegenüber dem Luxemburger Staat) hatten: Die sog. “Collation des Grades”, d.h. die Anerkennung ausländischer Diplome der Fachrichtungen Jura, Philologie Medizin und Pharmazie und später in den 30er Jahren die Akademikerarbeitslosigkeit.

Schon 1919 trafen sich die Präsidenten von ASSOSS und AV in Straßburg und arbeiteten den Rahmen der künftigen Zusammenarbeit aus. Ab dem 20. August 1920 war dann der Vertrag über die UNEL (Union Nationale des Etudiants Luxembourgeois) in Kraft. Diese erste UNEL war nur ein paritätisch zusammengesetztes Gremium aus den Vorständen von ASSOSS und AV. Es brachte keine eigenen Veröffentlichungen heraus, und war aufgrund starker ideologischer Differenzen zwischen den beiden Organisationen völlig handlungsunfähig. Ihre einzige Funktion blieb am Ende die Vertretung Luxemburgs bei der CIE (Conférence Internationale des étudiants), einer Unterorganisation des Völkerbundes. Auch den Organen der beiden Muttergesellschaften war die UNEL bald recht gleichgültig und sie findet in deren Schriftum nur dann Erwähnung wenn sich mal wieder Streit anbahnte oder man sich gerade wieder versöhnt hatte. So z.B. der von der Equipe KOCH losgetretene Streit um PAX ROMANA 1934. Der AV, der den internationalen Kongreß katholischer Studentenvereinigungen organisierte hatte dazu auch jene aus den faschistischen Ländern Deutschland und Italien eingeladen, was die ASSOSS veranlaßte eine antikleriale Hetzschrift an die Delegierten zu verteilen. Der AV kündigte daraufhin den Vertrag über die UNEL auf.
Letzte Erwähnung findet die UNEL 1940. Nachdem die Nazis am 10. Mai 1940 Luxemburg überrannt hatten, war die Luxemburger Regierung nach Paris geflüchtet Hier versuchte sie nun, die dort studierenden Luxemburger in eine in aller Eile aufzustellende “Freiwilligen-” Truppe zu pressen und an die Front zu werfen. Damit wollte man den Alliierten klarmachen auf welcher Seite Luxemburg stünde. Nun wußte aber jeder daß Frankreich kurz vor dem Zusammenbruch stand. Die Studenten wollten sich nicht verheizen lassen, kaum einer meldete sich! Da die Regierung ohne Parlament keine Wehrpflicht einführen konnte ärgerte sich ein gewisser Staatsrat Léon Schaus: als er glaubte daß in der UNEL die ASSOSS-Mitglieder die führenden Stellungen belegen würden: “Ech mengen et wir un der Zäit daß d’ASSOSS an den AV getrennt giffen hier Aktivitéiten obhuelen”. Der Mann lebte allerdings völlig in der realen Welt!

Die UNEL nach 1951

Die Gründung

Nach 1945 traten die ideologischen Differenzen zunächst in den Hintergrund. ASSOSS und AV bauten ihre Organisationen, samt einiger lokaler Sektionen (in den Universitätsstädten), wieder auf. Doch 1951 waren Epuration und Wiederaufbau in die Endphase getreten, Wirtschaft und Sozialleben waren im Aufwind. Die optimistische, zukunftsgewandte studentische Jugend wollte, nun da die unmittelbare nationale Not überwunden war, endlich ihre eigene Situation verbessern. In der Festbroschure “Dix années de mouvement Etudiant au Luxembourg” (UNEL 1962) werden als Zielsetzungen der Studentenschaft von 1951 festgehalten: “..une attention plus grande envers la formation de l’élite du pays, entraînant par là-même la necessité d’une démocratisation et d’une reforme profonde du système d’éducation.”

Recht hehre Ziele also, keineswegs nur die Verbesserung ihrer momentanen materiellen Situation wurden da herbeigesehnt! Davon abgesehen daß dies eine “offizielle” Formulierung ist, die natürlich selbstlosere Motive in den Vordergrund stellen muß, so ähnlich haben die Leute um Jean Barbel (gestorben_1954) wirklich gedacht. Diese Gruppe gründete am 30.3.1951 die UNEL, welche sich eine förderale Struktur (s.u.) gab und deren Arbeit auf den “Folklorevereinen” basierte. Ziel war die Sammlung und Vertretung aller Luxemburger Studenten.

Nun bestand die Gefahr daß neben ASSOSS und ALUC nur eine dritte Kraft entstünde, hatte doch einst auch die ASSOSS den Anspruch erhoben, für alle offen zu sein. Doch hatte dieser neue Verein keck den eingeführten Namen UNEL aufgegriffen, oder besser gestohlen! In seltener Einmütigkeit protestierten ASSOSS und AV, die “Voix des jeunes” informierte im Oktober 1951 ihre Mitglieder: “l’ UNEL entre l’AV et l’ ASSOSS existe toujours. Une vague organisation a usurpé le titre d’ UNEL. L’ancienne UNEL a protesté dans une lettre adressée à Monsieur le ministre de l’Education Nationale, publiée dans les cinq quotidiens du pays”. Doch so ganz stimmte ersteres nicht, jene alte UNEL bestand gerade noch auf dem Papier. Dann gelang es Jean Barbel, sowohl ASSOSS als auch AV zu überzeugen, daß sie den neuen Verein nicht bekämpfen sondern unterstützen sollten um damit ihre eigenen Ziele ebenfalls besser ereichen zu können. ASSOSS und AV gaben also ihre eigene UNEL preis und schlossen sich der UNEL mit Wirkung vom 16.4.1952 an, bei der CIE übernahm der neue Verein die Rechtsnachfolge. Dafür mußte die UNEL ihre Struktur modifizieren und ASSOSS und AV Sonderrechte zugestehen. (Siehe “Struktur”). ASSOSS und AV betrachteten die UNEL als willkommenes Forum für ihre eigene Überzeugungsarbeit und fungierten als der linke und der rechte Flügel der UNEL. Dies sollte solange gut gehen wie sie sich in etwa die Waage hielten und mehrheitlich linke sich mit mehrheitlich rechten Bureaus abwechselten. So nutzte die UNEL geschickt bereits bestehende Strukturen und wurde schnell als einzige legale Vertretung der Luxemburger Studenten anerkannt. Zuweilen zum Leidwesen des Ministerium, welchs dann und wann versuchte die UNEL wieder zu spalten. So verlangte ein würdiger Nachfolger des Léon Schaus 1960 statt mit der UNEL verhandeln zu müssen, je einen Vertreter von ASSOSS und AV als Ansprechpartner. Er konnte sich aber nicht durchsetzen2.

Die Struktur

Die UNEL (von 1952) war ein Zwitter aus Basisdemokratie und Förderation. Die “Cercles”, mit mindestens 7 Mitgliedern, konnten Deleguierte zum Weihnachtskongress und für den “Conseil” bestimmen. Zum Weihnachtskongress waren aber auch individuelle Mitglieder zugelassen. Schlossen sich mehr als 7 Studenten zu einer Gruppe zusammen besassen sie zudem Stimmrecht. Allerdings machte der Kongress nur Vorgaben, welche Politik einzuschlagen sei. Das Exekutivbüro hingegen wurde vom “Conseil” gewählt und auch kontrolliert. ASSOSS und ALUC durften darüber hinaus noch je 3 Deleguierte in den beiden Gremien ernennen. Zusätzlich sassen stets je ein ALUC- und ein ASSOSS-Mitglieder im Exekutivbüro ohne daß diese einer Wahl oder Bestätigung des “Conseil” bedürft hätten. Weiter gab es noch ein “Comité des anciens” dessen Aufgabe vage mit “assure la permanence des institutions” definiert war, aber keine wirklich Macht besass. Diese hatte das Exekutivbüro mit seine Stellen Président, Secrétaire générale (welcher in luxemburg-Stadt residieren musste!), vice-président aux affaires sociales, vice-président aux affaires culturelles, trésorier und dem Comissaire à l’ information (und noch die zwei Vertreter der Flügelvereine).

Die förderale Struktur war in den Anfangstagen gewählt, und als die natürlichste Form für eine Studentenorganisation eines so kleinen Landes betrachtet worden, da die Mehrzahl der Studenten über ganz Europa verstreut lebte und ihre Aktivitäten in Luxemburg sich auf die Ferienzeit beschränkten3. Neue Kommunikationsmittel (Auto, Telefon) veränderten in ersten Jahrzehnt die Situation aber völlig es wurde mehr Einfluß für Einzelpersonen gewünscht. Auch ALUC und ASSOSS wünschten dies, aus unterschiedlichen Gründen freilich! Die ALUC beklagte daß die ASSOSS mehr Hochburgen (Paris, Cours universitaires (CUL), Lüttich, Straßburg) hatte als sie selbst (Louvain und Aachen). Die ASSOSS nutzte die Unzufriedenheit zur Polemik und verteufelte die förderale Struktur gar als “Korporatismus”, und zog unzulässige Parallelen zum faschistischen österreichischen Ständestaat, den viele AV’ er in den 30er Jahren angestrebt hatten.

1963 kam es dann zur Reform, ASSOSS und ALUC verzichteten auf ihre reservierten Posten und die UNEL führte individuelle Mitgliedskarten ein. Unnötig zu sagen daß dies auch die Ressourcen der UNEL drastisch erhöhte. Die UNEL hatte bald gut 800 Mitglieder (bei etwa 1200 Studenten insgesamt!)

Die Zeitung “de Lëtzebuerger Student”

Der Comissaire à l’ information bekam ab 1958 richtig Arbeit als die UNEL ihre eigenes Bulletin “de Lëtzebuerger Student” (LS) herausgab. Es erschien einmal pro Quartal. Damit wiederholte die UNEL nicht den Fehler ihres Vorläufers sich kein eigenes Sprachrohr zu schaffen. So konnte sie eine gewisse Unabhängigkeit von den Muttergesellschaften erreichen. Dafür verschärften jene aber ihre Anstrengungen die UNEL selber zu kontrollieren. Immer wieder wurde der UNEL von der jeweils minoritären Fraktion vorgeworfen, in ihren Publikationen nicht neutral zu sein und offen, im Namen aller Studenten, nur die Ansichten ihrer eigenen Fraktion zu vertreten. Dies war nicht selten ein nur allzu berechtigter Vorwurf, wobei der Versuchung, den LS wie ein Parteiorgan zu behandeln, die ASSOSS öfter erlag als die ALUC. Das lag aber auch daran daß erstere in den 60er Jahren öfter die Mehrheit im Bureau hatte als die ALUC.

Die “fédérations facultaires”

1958 hatten die Ingenieurstudenten die ANEIL gegründet. Dieser Verein begab sich ebenfalls unter das Dach der UNEL, nicht zuletzt um die “Infrastruktur” der UNEL (Zeitung, Präsens in den “Cercle”) nutzten zu können.die ANEIL war außerhalb der UNEL gegründet worden, doch als in den frühen 60er Jahren das Interesse ihrer Mitglieder mehr und mehr erlahmte, funktionierte sie fast wie eine Unterorganisation der UNEL: die Abgeordneten vieler “Cercles” aus Ingenieurschulstädten für UNEL und ANEIL waren identisch, kaufte man eine Mitgliedskarte der UNEL war der Student automatisch Mitglied der ANEIL. 1965 wurde sogar eine Fusion beider Organisationen erwogen.

Angesichts des Erfolges der ANEIL, rief die UNEL gezielt Fachvereine als Unterorganisationen der UNEL ins Leben. Diese sollten sich der fachspezifichen Probleme annehmen: 1965 ALED (Droit) und 1966 die ALEM (Mediziner)4 Genau das taten sie aber nicht, sondern ergaben sich ebenfalls endlosen ideologischen Diskussionen hin. So gab es bald zwei ALEM’ s, eine Unel-konforme und eine “wilde”. Mit dem Zusammenbruch der UNEL 1969 verschwanden die FF wieder. Die ANEIL trat aus dem Schatten der UNEL, konnte aber erst ab 1982, nach 7-jähriger Suspendierung, wieder aufblühen.

Beabsichtigte weitere Kapitel

  1. Themen und Erfolge
    • Relations internationales
    • Collation des grades
    • Democratisation des études
    • Reforme du secondaire
  2. Das Kommissariat
  3. die 70er
  4. Konsolidierung in den 80ern
  5. die Konkurrenz ACEL
  1. Vermutlich dieser Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, muß den Historiker Marc Hessel † dazu verführt haben, in seinem Artikel “Happy Birthday ACEL” in LEO 2/93 die ASSOSS mit der UNEL zu verwechseln. Er schreibt: “Sie (die UNEL) war … somit nicht unschuldig am Sturz der ASSOSS.” Und in Fußnote 4: ” Wie die UNEL war auch die ALUC Mitglied der ASSOSS” []
  2. LS No 10, dec 1960 p 3 []
  3. Vgl. “10 années de mouvement Etudiant au Luxembourg” p 5/6 []
  4. LS avril 1967 p 11 sowie No 36/37 p 9. []

Egon Zander (1902 – 1997) und die Rheinromantik

Vor zehn Jahren starb Egon Zander. Er stand mit mir in den Jahren 1992-1996 in Briefverkehr und half so maßgeblich mit bei der Erstellung der Festschrift Rull de Waak zum 100. Bestehen des AV d’Letzeburger. Durch seine nüchterne, die Studentenzeit nicht verklärende Art, war er ein sehr wertvoller Zeitzeuge.

Kurzbiographie

Egon Zander stammte aus Luxemburg Stadt, seine Eltern betrieben dort eine Epicerie. Er besuchte das Athenäeum und war Klassenkamerad von Batty Esch. Wie dieser fühlte er sich dem katholischem Studentenmilieu zugehörig und trat später dem Akademikerverein (heute ALUC) bei.

Egon als Täufer

Egon als Täufer


In Aachen studierte er dann von 1923 bis 1932 Hüttenkunde und engagierte sich auch stark im AV d’Letzeburger, wo er mehrmals Vorstandsposten übernahm. Sein Biername war “Tipp“, der ihm auf der Taufe verliehen worden war. Sein Studium musste er immer wieder unterbrechen, um im elterlichen Betrieb auszuhelfen. Nach seinem Diplom arbeitete er als Ingenieur im Stahlwerk von ARBED Beval.

Aber Egon half nicht nur beim Erstellen der Festschrift, in jüngeren Jahren griff er auch selber zur Feder. Der nachstehende Artikel erschien im Annuaire des Akademikervereins 1929. Egon lässt hier seinen gesamten Kulturpessimismus zu Worte kommen, über den er Jahrzehnte später erschrickt und mit den Worten “Mein Gott, war ich damals bissig.” quittiert.

Rheinromantik,

eine exklusive Jupiterlampen-Angelegenheit.
Skizze von Egon Zander.

Willst du Rheinromantik? Hier das Rezept. Benutze nicht den veralteten Baedeker, kaufe dir das neueste Kriminalmagazin (herausgegeben von Edgar Wallace, dem theoretischen Verbrecherkönig), studiere eifrig “Wie lerne ich kriminalistisch denken”, verweile recht lange bei dem Kapitel “Indizienbeweise” (eine gute Parodie hierüber: Fall Rigaudin oder Halsmannprozeß) und begib dich dann an Ort und Stelle (in diesem Falle selbstverständlich: der Rhein), um die Rheinromantik in flagranti zu erwischen.

Persil bleibt PersilSo ich, Es kostet ein gutes Stück Mühe, bis man die vielen Irrtümer ausgemistet hat, die einem durch das Lesen von aufgebauschten Artikeln und Rheinbeschreibungen im Hirnkasten herumspuken. Aber schließlich gelang es mir doch die mit Reklamen über und über bedeckte Litfassäule mit Papa Rhein zu identifizieren. Vulkanausbrüche von Farben, das Unerdenklichste ausplappernd; das Anpreisen eines dem Gummiknüppel zum Verwechseln ähnlichen Unterhaltungsspieles, Punktroller genannt; die Bekräftigung der alten Formel, daß Persil Persil bleibt; das Hinweisen auf das neue Pflaster zur Pianissimo -Behandlung der Hühneraugenklaviatur, Reklamen für Zigaretten, Champagnermarken, Korsetts, das Niederwalddenkmal, ganz bestimmt das Produkt einer an Größenwahnsinn ernstlich erkrankten Sekte (gehen Sie mir weg mit dem Märchen, das hätte einer allein ausgeklügelt), eine künstlerische Katastrophe, die man durch Unterlegen von etwas Dynamit schmerzlos in eine künstliche überführen sollte. Gasthöfe und Weinschenken, Garagen und Tankstellen schreien in grellen Farben, alles unter dem Motto: Strömt herbei ihre Völkerscharen, Nun, das hatte 1918 seine Wirkung nicht verfehlt. Aus allen Gegenden, sogar aus dem Chewinggumlande und aus dem dunklen Erdteil (so genannt wegen der schwarzen Hautfarbe seiner Einwohner) waren sie gekommen, allerdings statt Touristenstock, Lodenmantel und Rucksack … Gewehr, Kakiuniform und Tornister mit sich führend. Man hatte eben keine Zeit gehabt die Garderobe zu wechseln, die man beim Kriegspielen in Frankreich trug; sie bürgerte sich am Rhein auch schnell ein und wurde die führende Mode. Diese an den Rhein so urplötzlich Gekommenen bildeten sich zu Dauergästen aus, weil es ihnen anscheinend gut gefiel, und ganz begeisterte Naturschwärmer, über die Frankreich in Massen verfügt, waren nur mit Mühe und Not von der Idee abzubringen, das Rheinland als Weekend-Eldorado für französische Kleinrentner einzurichten.

Nun haben wir die Reklamen und Randbemerkungen gelesen, wobei aber darauf hingewiesen werden muß, daß ich das nicht so ruhig wie Sie tun konnte, denn hier an der Litfassäule ist die donnernde Hölle mit leibhaftigen Autoteufeln.

Das Niederwalddenkmal

Das Niederwalddenkmal


An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut! Wenigstens nicht zu Fuß, denn es bestehen große Aussichten, daß du dir mal ein Auto aus der Froschperspektive ansehen müsstest. Das ist recht unangenehm Du kugelst dich im Dreck, die Brille springt entzwei (vorausgesetzt, daß du eine solche trägst), dein Anzug wird besudelt. und so nebenbei erheischt die Umformung deines Körpers auch noch ein Transportmittel, entweder durch Roteskreuzfähnchen gekennzeichnet oder pietätvoll schwarz angestrichen. Manche und es dürfte die Mehrzahl sein, benutzen beide Transportmittel, zwar nacheinander, so in zweitägigem Abstand, nach einer wohltuenden ärztlichen Behandlung. In der Tat, es ist lebensgefährlich. Denn zu beiden Seiten des Rheins hat man Autostraßen angelegt, tadellos, kerzengrade, ein ideales Betätigungsfeld für Kilometerfresser und radikale Anhänger der Ellenbogen-, in diesem Falle Schutzblechfreiheit. Das Schutzblech, eine furchtbare Waffe, die, auf ihrem lammfrohen Namen fußend, Anspruch erhebt, in die Kategorie der Schutzmittel einverleibt zu werden, die aber dazu ganz und gar keine Berechtigung hat, aus der einfachen Ursache, weil sie wie dazu geschaffen ist, sich dem harmlosen Fußgänger einzuverleiben und das mit sprichwörtlicher Gründlichkeit und etlichen Pferdestärken und Zylindern (gemeint sind hier Autozylinder, nicht die bei Begräbnissen übliche Kopfbedeckung, ein Irrtum, der dem Leser leicht unterlaufen könnte).

Darum raus aus dem Bereiche des Todes, (frei nach Karl May), raus aus der mit Öl und Benzin gesättigten Luft, runter von der Rennbahn. Mein Rettungsring (in der Not ergreift man eben, was grade dahergeschwommen kommt) war eine Diele, (kommt mit dem Wort “Garage” immer zusammen vor, die beide unter dem geläufigerer Sammelnamen “Tankstelle” besser bekannt sein dürften, übrigens Diele mit Artikel verbunden “Die-Die-le”, eine Redewendung, die Stotterern ganz besonders sympathisch sein müsste.) Vorn im Eingang schälten sich grade ein paar Kraftwagenfahrer (um nicht immer Auto zu sagen) aus ihren Lederetuis; nach vollbrachter Ausschirrung waren sie genötigt, besagte lederne Garderobe in der Garderobe abzugeben, weil man erstens in der deutschen Sprache für diese zwei grundverschiedenen Dinge nur eine Bezeichnung hat (und noch keine deutsche) und zweitens, weil gerade die dabei zu entrichtende Gebühr eine hübsche Nebeneinnahme, in rassereinen Nepplokalen sogar eine Haupteinnahme ausmacht und das Geschäft über Wasser hält, was bei den so nahe am Rhein gelegenen Etablissements ganz beruhigend auf die des Schwimmens Unkundigen wirkt. Nun, ich tat, wie ein drohendes Schild mir befahl, legte Mantel und Hut ab und gelangte in einen mit Pariser Parfums durchsetzten und von Rheinländern besetzten Saal, wo ich mich in einem Clubsessel verstaute. Obschon es noch früh am Nachmittage war, hatte man die Fenster mit zentnerschweren Vorhängen verhangen. Die Aussicht auf den Rhein wirke zu störend und außerdem sei Deckenbeleuchtung dem mit allen Schikanen zurechtgeschusterten Teint der Damen weitaus bekömmlicher als grelles Sonnenlicht.

O Rheinromantik wo bist du?
Eine aufgeregte Jazzmusik huddelte etwas vom Nil, ein Neger schlug sich auf sein breites Maul, ab und zu exotische Laute ausstoßend, und rund um dieses Podium des Schreckens und der Disharmonie gestikulierten mit Armen und Beinen die Rheintöchter, das Ganze Fünf-Uhr-Tee darstellend (die Uhr schlug eben 1/24 und Tee war nicht aufzutreiben). O holde Rheinmägdelein mit blondem Haar und blauen Augen, wer gab euch die Idee, Haartinktur zu benutzen, von wem erlerntet ihr – allerdings schlecht – die Kunst, den Lippen- und Augenstift zu führen, wer lehrte euch das Zigarettenrauchen, das blasierte Indieweltgucken, das Hochschürzen der Lippen? Was wallest du stumm durch die Berge, o Rhein? Na, da soll man nicht sprachlos werden!

Ich war offenbar an eine falsche Romantikquelle geraten, mein Rettungsring erwies sich als brüchig und zog Wasser. “Herr Ober, zahlen!”

Und da wiederholte sich die bekannte Geschichte vom Schiffer, der angesichts der Lorelei langsam in den Fluten des Rheins versank, in dem ich angesichts der hohen Rechnung – im Gegensatz zu besagtem Schiffer aber ziemlich rasch – in den Konturen des Clubsessels absackte. Nun, Ober sind außer Herren (Herr Ober!) Allerweltskerle, die auf alles gefaßt sind. So auch hier, Im Nu hatte er den Schwerpunkt der Situation erkannt, nämlich meine Silbermarken, die er mir blitzschnell abnahm und dadurch mich wesentlich erleichterte, was mir ein Wiederauftauchen an die Oberfläche gestattete.

Ausgang, “Ist die Tanzmusik erstklassig?” frug mich ein mit Pelzmantel und Brillanten behafteter “starker” Herr (dicker Herr paßte eigentlich besser, aber das Wörtchen “dick” ist neuerdings in besseren Kreisen verpönt), der grade im Begriffe stand oder, richtiger: saß, sich mit vieler Mühe aus einer Limousine zu laden … Er halte nämlich auf gute Musik, und, falls das hier nicht der Fall, sei die unternommene Reise zum Rhein zwecklos; er bewohne ein Landgut und höre allda durch Radio Jazzmusik, aber leider viel zu wenig, weil über die Hälfte der Zeit mit Vorträgen verplempert wurde; übrigens ein schöner Unsinn, diese Vorträge, die doch nur dazu da seien, das gemeine Volk aufzuklären, also eine direkte Schärfung des Verstandes bewerkstelligten, und er sähe nicht ein, zu was die deutschen Bürger Verstand benötigten. “Das ist eben die Quintessenz (beliebter Stammtischausdruck) allen Übels in Deutschland,” fuhr er fort (und hatte das Ausladen seiner Person noch nicht zu einem glücklichen Ende geführt), weil die Menschen langsam Verstand angenommen haben und nicht mehr hübsch brav in der Herde mittraben wollen, wie das zur glorreichen Regierungszeit Seiner augenblicklich in Holland zur Erholung weilenden Majestät an der Tagesordnung war.” Ich brauchte nicht zu antworten auf diese bandwurmlangen Satzgebilde, denn die aufgehende Saaltüre und das dadurch hörbare Musikgepolter hatten ihn zum Bleiben bestimmt.

Eine durch ein mittelalterliches Aushängeschild (werden heute auf Bestellung antiquarisch angefertigt) gekennzeichnete Weinstube mit “anschließender” Rheinterrasse und herrlicher Aussicht präsentierte sich so einladend, daß ich kurzerhand hineinging und -fiel, Ich setzte mich verstohlen in eine einsame Ecke und gab mir redlich Mühe, Rheinstimmung zu genießen, indem ich gedankenlos über die Wellen hinträumte (Stimmung ist bekanntlich der Zustand, wo der Mensch nicht mehr denkt. wenigstens nicht normal), wohlweislich den von einer Lebensversicherung am andern Ufer errichteten und herüber grinsenden Knochenmann aus meinem Gesichtskreis verbannend.

Da entstand plötzlich ein Lärm, als ob die Mauer einer Talsperre zusammengeklappt wäre und die Wassermassen sich talwärts wälzten. Zuerst strömten durch die Flügeltüren Gerinnsel von Menschenhäufchen, und dann ergoß sich ein Strom, auf die Terrasse, der alle Tische überflutete . . . Ein Gesangverein auf Sonntagsbillet. Nachdem Regenschirme und Aktenmappen (in ihnen wird, Akten ausgenommen, alles transportiert Lebensmittel, alte Schuhe, schmutzige Wäsche usw,) möglichst geräuschvoll abgelegt waren und die durstigen Kehlen (es war die 27. Station) mit der auf der Getränkekarte als Wein bezeichneten Flüssigkeit angefeuchtet waren, begann man das bei den in dieser Gegend herumvagabundierenden Gesangvereinen so beliebte rheinische Frage- und Antwortspiel, das

Aufschluß über diese Menschensorte gibt. Geistig unterernährt, das bestärken die dummen Fragen, und offenherzig, weil diese Fragen laut gesungen werden. (lies: gebrüllt, trompetet, posaunt, gehustet, gegurgelt.) Ad eins, “Warum ist es am Rhein so schön?” Das fragt man so anhaltend, so bittend, so wissensdurstig, man wiederholt die Frage, einmal, zweimal, dreimal, dreht sie herum, versucht ihr von einer andern Seite näherzukommen, ändert den Tonfall, vielleicht daß sie so verständlicher wird. Ist denn kein Oberstudienrat (auf hohen Titel wird gehalten, Nebensache wie hoch Gehalt betitelt) vorrätig, der diesen Leutchen aus der Patsche helfen könnte!

Zweite Frage. “Was ist Wein?” Diese Frage muß man vorsichtig beantworten, kann überhaupt frühestens am nächsten Tage beantwortet werden, wenn Kopf und Magen die Analyse gemacht haben, denn die Zunge läßt sich von den modernen Weinfabrikanten überlisten. Aber- diese sangeslustigen (tief Atem holen) Gehstduhintermichträger, auf deutsch Cut-träger (nähere Beschreibung in Modejournal unter: Nationalanzug) scheinen schon besser vorbereitet zu sein, denn sie finden verblüffend schnell die Antwort, “Was ist Wein? – Sonnenschein,” War eigentlich überflüssig (einige waren schon am überfließen), denn das sah man auf den ersten Blick, daß alle einen gehörigen Sonnenstich erwischt hatten.

Hier war statt Rheinromantik die Hochblüte des mit Vorhemdchen und Röllchen umgürteten Spießbürgertums.

Die Dämmerung fiel ein; ich verließ diesen in Zigarrenrauch und süßsäuerlichem Duft eingebetteten Menschenknäuel, der das Fehlen an individueller Originalität durch gemeinsame Gesangübungen ersetzte und sich “künstlich über die Mühsalen des Alltags hinwegtäuschte”.

“Endlich allein,” hatte ich noch grade Zeit zu denken, da stand ich schon mitten unter einem mit Wildwestern und nackten Knien bekleideten Völkchen, das sich schlechthin Pfadfinder schimpft. Wenn man nur einen Augenblick an das polizeilich streng geregelte Deutschland denkt, wenn man bedenkt, wie auch der kleinste Weg durch riesengroße Warnungstafeln zum Betreten erlaubt oder verboten ist, so sieht man schnell ein, auf welchem Misthaufen von Logik die Bezeichnung “Pfadfinder” ihren Ursprung nahm. Was da für Pfade gefunden werden sollen, ist mir rätselhaft.

“Das ist auch Nebensache,” ließ ich mir vom Anführer (mit Klempnerladen auf der Brust) sagen, “Wir gehören der Jugendbewegung an, darum bewegen wir uns, marschieren wir, nichts wie marschieren, und, damit keiner sich daraus ein Vergnügen macht, tragen wir zentnerschwere Last, wie da sind Trompeten, Spaten, Fahnenstöcke, Kochgeschirre, Zeltbahnen, kurz alles was man zu einem Sonntagnachmittagsspaziergang benötigt, Wir zählen Kilometersteine, wir zählen die vorbeirasenden Autos, im Übrigen vermeiden wir jede geistige Anstrengung (statutengemäß), weil das Minimum an räsonnierendem Geist den Wert des vorbildlichen Soldaten ausmacht, das zu werden unser aller höchstes Ziel ist.” Man kann der Jugend nicht übelnehmen, daß sie Krieg spielt, während die Väter (Hugenberg wollen wir stillschweigen übergehen) sich redlich abmühen mittels Zerstäubern (ausrangierte Fly-tox-Tuben tun hier schon gute Dienste) ein bischen Locarnogeist in die mit Säbelgerassel verpestete Luft zu spritzen.

Die Heimfahrt. Ein Schreien, ein Schimpfen, ein Drängen. ein Zwängen, ein Kampf schlimmer als vor Verdun (der Leser möge verzeihen, es fiel mir nichts Passenderes ein) um ein armseliges Plätzchen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Augenblick war gekommen, wo die mit Rheinromantik gespickte_ Herzen überflossen, wo grandios Erlebtes die Zungen löste, und so erzählte man, daß das Wetter besser gewesen, als man anfänglich gedacht; daß man nur zwei Autounfälle gesehen. allerdings einen ziemlich schweren, denn es gab 2 Tote und viele Scherben; daß man beim Weintraubenstehlen beinahe erwischt worden sei; daß man stundenlang einem Faltboot zugesehen habe und minütlich das Kentern erwartet habe, aber was meinen Sie wohl, man sei gefoppt worden, es ging nicht unter und wollte nicht untergehen, eine direkte Bauernfängerei eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, sieht so zerbrechlich, so unstabil aus und steht ganz fest, ja viel fester als die Wacht am Rhein!

Wo blieb die Rheinromantik?

Der Zug hielt. Voll Ärger über den verlorenen Tag und die Einsicht, daß mir das Zeug zum Detektiv vollständig fehl, ging ich ins Kino, Und da fand ich, was ich so schmerzlich gesucht. Rheinfilm mit romantischen Städtchen, goldigen Weinbergen, holden, sonnigen Mädchen, übermütigen Studenten. Die Leinwand, unterstützt von passender Musik, schüttete fuderweise Rheinromantik auf mich. Das alles für 1,50 RM.! Was Jupiterlampen und Regisseure nicht alles fertig bringen! Ohne sie keine Natur, keine Rheinstimmung mehr. Darum mein Sohn, beherzige den Rat: Zieh nicht an den Rhein, sondern ins Kino.

P.S. Es wäre vielleicht nett, wenn man alles durch die beschönigende Filmapparatlinse sehen könnte, aber ich glaube, dann würde viel, viel weniger gelacht.

Kommentar zu diesem Text.

Egon Zander

Egon Zander


Zufällig habe ich ihn 1993 entdeckt. Mir stach der Name Egon Zander sofort ins Auge, denn so häufig ist der Name in dieser Schreibweise in Luxemburg nicht. Auch kommt Egon als Vorname in Luxemburg nicht besonders oft vor. Also sandte ihm eine Kopie, worüber er sehr erfreut war, und stellte einige Fragen zu dem Text. Denn vieles war für den Studenten von 1993 nicht ohne weiteres zu verstehen. Wohl aber war mir aufgefallen, dass zuvor Lambert Schaus, der spätere Minister, einen, die Rheinromantik feierenden Artikel in der selben Studentenzeitschrift veröffentlicht hatte, und so vermutete ich, Egons Text könnte eine Parodie darauf darstellen. Dem war wohl auch so, allerdings schrieb Egon seine Erwiderung offenbar sogar auf dessen Anregung.

Er schickte mir folgenden Brief zurück:

Luxembourg, 18.12.1993

Lieber Catweazle !

Vielen Dank für Deinen Brief. Die Kopie meiner Skizze “Rheinromantik” hat mich besonders gefreut, da Manuskript und Akademia im Mai 1940 verloren gingen. Das deutsche Militär hatte gründlich in meinen Papieren geräumt. Uebrigens konnte ich mich nicht mehr an viele Einzelheiten erinnern. Mein Gott, war ich damals bissig.

Deine Vermutung betreff Verhältnis zwischen Lambert Schaus und mir stimmt nicht. Ganz im Gegenteil. Ich war mit ihm gut befreundet, und er war es der die Veröffentlichung besagter Skizze in der Akademia bewirkte.

Was meine politische Einstellung betraf, so muss ich eingestehen, dass ich während meiner Studienzeit keine hatte. Es wurde nie in AACHEN politische Diskussionen zwischen Luxemburger Studenten geführt und auch nicht zwischen mir und deutschen Kommilitonen. Letzteres nicht aus Vorsicht, sondern wegen Interesselosigkeit. Durch den Sport, den ich auf der Hochschule betrieben habe lernte ich viele deutsche Studenten auch aus schlagenden Verbindungen kennen, zu denen ich stets, in gutem Einvernehmen war.

Das Schicksal von Batty Esch ist besonders tragisch. Klassenkamerad von mir im Athenäum war er ziemlich kompromisslos, was er auch bewies als er, von der Verhaftung seines Direktors Origer erfuhr, sich spontan der Gestapo stellte.
Nun zu Deinen Fragen:

Punktroller,

eine Art Nudelwalker mit punktförmigem Gummi überzogen, diente den Spiessbürgern zur Eigenmassage ihres Wanstes.

Niederwalddenkmal,

Der Bergrücken zwischen Rüdesheim und Assmannshausen heisst Niederwald. Dort wurde das Denkmal in Erinnerung von 1870/71 errichtet. Es stellt eine 10 Meter hohe Germania dar, flankiert von zwei Reichsadlern und etlichen Reliefs.

Fünfuhrtee,

Kopie vom englischen Five O’Clock Tea. Zu dieser Stunde traf sich die Jugend um das Tanzbein zu schwingen. Das war auch in Luxemburg der Fall und zwar im Majestic (Place d’Armes), Hotel de Cologne (heute Alima-Bourse) und Restaurant Schulz in der Rue des Capucins.

Der Name Zander:

Der Name Zander ist in der ganzen Welt Verbreitet, sogar im Süsswasser. In Schweden wurde von einem Doktor Zander Apparate für Widerstands= Gymnastik (?) eingeführt.
Vor geraumer Zeit habe ich einen Artikel im Luxemburger Wort gelesen, der sich mit den Bürgern der Stadt Luxemburg im siebzehnten oder achtzehntem Jahrhundert befasste. Darin ging Rede von einem Zander, der ein Wohltäter der Stadt war.

Ich hatte einen Bruder, der mit 15 Jahren Opfer der 1912 grassierenden spanischen Grippe wurde. Meine Vetter sind alle verstorben.

Verwandte mit Namen Zander habe ich ausser meiner Tochter, die Verheiratet ist, keine weder in Luxemburg noch im Ausland.

Nun Bleibt mir noch ein frohes Weihnachtsfest und viel Glück im Neujahr zu wünschen, Dir und Deinen Kommilitonen.

Nei Interessen: Velo an ASSOSS

Conter Raymond (1922-1923)

Conter Raymond (1922-1923)

Et ass nit esou, dass mat méngem Récktrëtt als Velosfuererfonktionär mäin Interessie um Velosverkéier nogelooss hätt, am Géigendeel! Nit méi gezwongen een, zweemol am Mount mir den Hënner an dem stënkege, muffige, spiessige Okocenter plattsëtzen zu mussen a mir humorlos Monologen unzelauschtern, ass méng Loscht op alles waat mat dem Vélo ze dinn huet ërem richtig opgeflaamt!

Dest Joër get nees méi Velo gefuer, a manner noglelauschtert!

Dofir hunn ëch eng Plaatz fir den Velo ënnert méngen Interessen op desem Site geschaafen. Nach ass die zwar zimlich egel, mee do kënnt nach eppes no *g*

Dann hunn ëch die Deeg dank méngem Frënd Jeannot Damgé eng schéin aal Brochure vun der ASSOSS an d’Hänn kritt, sou dass ëch denken, hei wier die richtig Plaatz, fir och dovunner ze berichten. D’ASSOSS waar een ganz interessanten lénke Studenteveräin, den vun 1912-1969 existéiert huet. De letzte Präsident war, wann ëch mëch richtig entsënnen den André Hoffmann vun der Lënkspartei. Och wann ëch am lënkskathoulischen Milieu aus dem ëch kommen bliwen sinn, huet de Club mëch dach stets faszinéiert. Nit zuletzt, wëll ëch jo och an der UNEL war. Ob d’ASSOSS sinn ëch gestouss wéi ëch 1994-1997 méng Recherchen zur Geschicht um AVL bedriwen, an du Rull de Waak geschriwen hunn.

Ee weidere Grond: Den Henri Wehenkel war zu ménger Schulzäit mäi Geschichtsproff, den ëch bewonnert hunn obwuel ëch wusst dass hien Kommunist ass an ëch demols nach ziemlich paafig wor. Die materialistisch Art a Weis, Geschicht z’interpretéieren, sou dass Ereignisser een Sënn kréien haat mëch faszinéiert an iwerzeegt! Daat wor eppes ganz aneschters, ass wéi einfach nëmmen Geschichten vum Jhang de Blannen auswënnig léieren. An den Henri Wehenkel huet eben och e puer Bäiträg zur Geschicht vun der ASSOSS geschriwen!

Zur Assoss

D’ASSOSS war e ganz interessante "lénken" lëtzebuerger Studenteclub, den vun 1912-1969 bestaanen huet. D’Grënnung vun der ASSOSS war eng Reaktioun vun de jugendlichen Unhänger vun der coalition de gauche, die aus Sozialisten a (Wirtschafts-)Liberalen bestaanen huet, op d’Grënnung vun der ACEL (haut ALUC) 1910 duerch kathoulisch Studenten rondrëm de Pierre Dupong.

Die onnatierlich Koalitioun vun Jeunesse Dorée mat Kanner aus dem Proletariat konnt d’ASSOSS dank der Klammer vum Antiklerikalismus och nom Stuerz vun der Lënksregierung beim Doud vum Staatsminister Paul Eyschen bäibehaalen. Den Veräin huet souwuel die zwee Weltkricher, ass wéi och den Nationalsozialismus iwerliewt, nit awer d’Erfëllung vun enger hierer eelster Fuederung: d’Demokratiséierung vum Studium. An den 1960er Joëren ass sie ëmmer méi no lénks gerëtscht a gung an der 1968er "Revolutioun" ënner.

Zeechnungen vun den Präsidenten 1912-1932

Aus dem Annuaire “1933”

Hesper Kutsch online!

Die Hesper Kutsch soll sich endlich mal im Internet wiederfinden!

  1. Hesperkutsch Lyrics
    1. Refrain:
    2. Strophen
  2. über dieses Lied.
    1. kleine Textanalyse
    2. Datierung des Textes

Hesperkutsch Lyrics

Refrain:

An d’Saaft ass d’Been eroofgelaf (bis)
An d’Saaft ass d’Been eroofgelaf, gelaf !

Strophen

  1. En décke fette Bunnes an eng horech Mutsch,
    déi soutzen mol zesummen an der Hesperkutsch,
    du sot de Vullepier zu séngem Mutschegréit,
    lo kriss du mol e säftigen an d’Ventil gedréit.

  2. Mäi léiwe Pier sot d’Gréit, déi doe wär gelaacht,
    ech hunn der jo eng Fotz ewéi eng Scheierpaart,
    a léiss ech dëch och drunn, da wärs de dach gezunn,
    wëll ech schons zénter fënnef Deg de Rouden hunn.

  3. Du sot de Pier zum Gréit, du déck fett houer Sau,
    haut kriss de kee gemaach, mäi Jeep deen ass ze rauh,
    a wanns de och mengs vläicht, e wär der nët méi ganz,
    Erreur, du hues dëch giert, lo kriss de een an d’Panz.

  4. De Bunnes huet gehummert, et wor ee Genoss,
    an de kaale Bauer ass a Stréim gefloss,
    den Aasch huet Spréng gedon, de Sak huet d’Rad geschlon,
    O Jesses, sot dun d’Gréit, dat huet gudd gedon.

  5. O merde, sot Gréit, méng Nennen si steiff wéi eng Bull.
    An ech, sot dunn de Pier, ech hunn e Kramp am Vull.
    Dat alles wär nach näischt, häss du de Rouden nët,
    da géif ech dier mol weisen wéi ee Minett mëcht.

  6. Du hëllt jo d’Gréit dem Pier säin décke Vull an d’Schnëss,
    den do, den ass jo steiff, den schmaacht no Mandelnëss,
    du sot de Fullepier: O Gréit du bass pervers,
    lo huelen mier d’Hesperkutsch a fueren no Anvers.

  7. An hues de als Student emol een décke ston,
    da brauchs de dofier nach nët op Léck ze gon,
    den ________ hat verstan, den ________ ass geflunn
    an huet am Flieger sëch der schon e puer gezunn.

  8. Zu Léck do fonnt hien och scho gläich eng speckeg Mutsch.
    Mais hier wor sat an dofier war säi Steiwe futsch.
    Mäi Jong géi du rem heem, sot d’Sau, géi zréck an d’Schoul,
    wëll ech brauch nët en Ziipchen mais en décke en décke Poul.

  9. Doheem huet hien d’Moral vun der Geschicht beduecht.
    T’huet Sue kascht an ech hun nach keen faerdeg bruecht.
    Wien nët méi biischte kann, ass dofier nët verluer,
    wëll fier ze flipperen geet e Mëllen duer.

über dieses Lied.

Die Hesper Kutsch gilt seit den 1960er Jahren als DAS Lied der Luxemburger Studenten, ja nahezu die Hymne dieses Standes. Heutzutage freilich, wo die Sangeskunst beim Luxemburger Studenten nicht mehr so hoch im Kurs steht gibt es einen beklagenswerten Mangel an Textsicherheit beim studentischen Volk.

Derweil der Refrain als auch die erste Strophe den allermeisten Studenten und sogar vielen Schülern noch recht flüssig über die Lippen kommen, ist es um den Rest des Textes nicht so gut bestellt. Und dies schon seit geraumer Zeit!

So beklagte schon ein Bericht über die REEL 1997, dass die Studenten nur noch die erste und die Hälfte der zweiten Strophe kennen würden, wobei diese "zweite" in Wirklichkeit die vierte ist; 2 und 3 gelten allgemein als vergessen. Das Liederbuch des AVL von Sylvain Schrantz (1990) kennt sie z.B. nicht mehr.

kleine Textanalyse

Ihre Beliebheit verdankt die Hesper Kutsch nicht zuletzt ihrem zotigem Inhalt, wobei der Text deutlich in zwei Teile zerfällt

  1. der erste Teil (Strophen 1 bis 7) hat als Hauptakteure Pier und sein Vull (Peter und sein Pimmel) sowie Gréit und ihre Mutsch (Grete und ihre Fotze), wobei Pier und Gréit früher häufige Vornamen waren und in der luxemburgischen Umgangssprache sozusagen "Hinz und Kunz" bezeichnen.

    In diesem Teil findet auch die "Hesper Kutsch" selber Erwähnung, und zwar in den Strophen 1 und 6. Pier und Gréit treiben es in ihr, bzw. wollen mit ihr nach Antwerpen fahren (weil Anvers auf pervers sich reimt). Es könnte vielleicht ein Auto damit gemeint sein, vielleicht eines das einem Studenten aus Hesperange gehört hat?

  2. der zweite Teil, möglicherweise erst später hinzugefügte Teil handelt hingegen vom einem Studenten mit austauschbarem Namen, der mit dem Flugzeug nach Lüttich fliegt, dort eine Prostituierte aufsucht und wegen vorangegangenem Alkoholmissbrauchs keinen mehr hochkriegt und folgerrichtig von der Frau verhöhnt wird, und den Rat erhält, doch lieber sich am Flipper auszutoben, da hierzu kein Steifer vonnöten sei.

Datierung des Textes

Dieser zotige Charakter des Liedes erschwert auch seine Datierung. Eine Frage die häufig gestellt wird, und deren Antwort auch mich brennend interessieren würde, lautet nämlich "wo kommt die Hesper Kutsch eigentlich her?".

Diese Frage ist unglaublich schwer zu beantworten, weil sauber datierte schriftliche Quellen fehlen! So fehlt das Lied z.B. im Gesangsbuch des AVL der 1960er Jahre, obwohl es gerade damals weit verbreitet war. Das kommt sicherlich daher, dass so ein Gesangsbuch einen eher "offiziellen" Charakter hat, das zeigt man schon mal den Eltern, folgerichtig fehlen hier die Zoten wie die "A la Saloppe" oder halt auch die "Hesper Kutsch".

Zwei belgische Städte finden Erwähnung in den beiden Teilen und zwar Antwerpen (6) und Lüttich (7), was doch sehr darauf dass das Lied in den Kreisen luxemburgischer Studenten in Belgien entstand (vielleicht in Brüssel oder Löwen), auch wenn man argumentieren könnte, dass Antwerpen nur deshalb gewählt wurde, weil es sich reimt (damals wurde Fellatio offenbar noch als pervers empfunden, zumindest von Vullepier, gleichwohl er seinerseits beklagt dass die Monatsblutungen der Gréit ihn davon abhalten, sie mit einen Kunnilungus zu beglücken.

Zumindest der zweite Teil bezieht sich auf einige technische Geräte (Flugzeug + Flipperautomat). Das setzt somit voraus, dass zum Entstehungszeitpunkt zumindest dieses Teiles diese Geräte bereits zur Verwendung durch die Massen freigegeben war, somit kommen die späten 1950er bzw. frühen 1960er Jahre in Frage.

Daniel Erpelding, 19.4.2004

die aal Oochener Studentenmutz

Op Ufro vun den Jonken vum AVL, hei d’Fotoën vun der Mutz

Herkunft

Bis in die 1950er Jahre trugen die Mitglieder des AVL eine auberginenfarbene Mütze. Die hier vorgestellte Mütze wurde um 1952 vom Aachener Hutmacher BAYER, Krämerstrasse 9 angefertigt.

Getragen wurde sie von François Kremen.

Vor dem Kriege wurden gleichaussehende Mützen, ebenfalls von Bayer für den AVL hergestellt.

Ausehen

Jo, kuckt Iech des Foto’en einfach mol!

  • Lënks kennt dir gesinn, wéi sou eng mutz op engem Kapp ausgesäit! (Natierlich musst Dier Iech daat matt Ärer eegener Binette virstellen, nit mat ménger 🙂
  • riets uwen, gesäit eeng gudd, die 8 eckig Form (wéi den Oochener Doum) vun der Mutz, an dass sie aus roudem Samett ass.
  • riets ënnen, een Detail: den rout-wäis-bloën Bännchen

Wann der soss nach eppes nit verstitt, dann frot! Daniel.Erpelding@gmx.net

mäi Fotograph

Fir d’Fotoën soën ëch méngem Schwoër, dem Frank Bleser, merci. Den Fränk ass iwrigens och soss eeng gudden Fotograph a guff och schon sollëch Groussereignisser am Bild festgehaalen, wéi dem Suffi séng Hochzäit 😉

kuckt iech dem Fränk séng Fotoën fir déi hien schon den prix spécial fotoforum.lu gewonnen huet, rouëg mol un

Stirb UNEL stirb

Vorbemerkung: Dies ist die elektronische Reproduktion eines Artikels den ich 1997 schrieb und den die damalige Unel auch in ihrer Zeitschrift veröffentlichte. Ich war 1993 in die UNEL eingetreten, weil ich sie sich gerade entideologisiert hatte und nun auch für nichtlinke Studenten wie mich, wieder eine ernstzunehmende Alternative zur ACEL geworden war. An letzterer störte mich z.B. dass ein Studentenverein mit 20 Studenten genausoviel Gewicht hatte, wie Brüssel (300 Studenten), Strasbourg (250 Studenten) oder eben Aachen (150 Studenten), das ich vertrat. In der UNEL war hingegen die Mitgliedschaft persönlich, ich sah in ihr durchaus das Potential dass es ein Massenverein werden könnte.
Vier Jahre nach meinem Beitritt zur UNEL merkte ich aber, dass die Entideologisierung aber wieder entwich. Die Linken wollten IHRE Bastion zurück, aber bitteschön trotzdem behaupten können, für alle Studenten zu sprechen. Diese Flügelkämpfe hatten in den 1970er dazu geführt dass die UNEL in die Bedeutungslosigkeit abrutschte und in den 80er der ACEL das Feld überlassen musste.
Der unten stehende Artikel gibt meinen damaligen Frust wieder. Ich ärgerte mich vor allem, dass ich erkennen musste, dass ich mich geirrt hatte: die Spitze der UNEL war zwar intellektueller, engagierter und ehrlicher als die der ACEL, aber der Verein war nach wie vor nicht massentauglich, die UNEL würde bedeutungslos bleiben.
Zu den heutigen Verhältnissen, trifft dieser Text aber keine Aussage, die sind mir nicht so richtig bekannt.
Ich begann damals den Text mit einer Bibelstelle, die ich als Kind oft gehört hatte, denn unser Pfarrer liebte diese Passage.
22. September 2013

Stirb UNEL stirb

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Evangelium nach Johannes 12,24.

Ausgangspunkt

Auflösen? Um es gleich vorweg zu nehmen, ich werde nicht unbedingt für die Auflösung der UNEL, plädieren, wohl aber dafür daß gänzlich neue Wege beschritten werden und daß die UNEL sich daran erinnert daß sie kein Selbstzweck ist sondern einem höheren dient: Die Interessen ALLER Luxemburger Studenten optimal zu vertreten. Also jetzt noch mal die Essenz von Johannes 12,24 für Darvinisten: Gelegentlich müssen Individuen sterben damit die Spezies überlebt, auch oder gerade wenn das Individuum schon so alt ist wie die UNEL (gegr. 1920).

Stirb UNEL! Doch welche soll sterben? Es gab schon so viele:

  • Die UNEL aus den Vorkriegstagen (siehe UNEL History in UNEL-Forum 1,2/97), das ungeliebte Zweckbündnis der Pfaffenfresser aus der ASSOSS mit den Katholen der ALUC, welche damals noch ACEL hießen? TOT!
  • Die UNEL der 50er Jahre, der Dachverband der "Folklorevereine", der ASSOSS und der ALUC? Der Verein vom dem ein zur Unkenntlichkeit verzerrtes Abbild 1984 aus dem Nichts auftauchte und sich ACEL nennt? TOT!
  • Die UNEL der 60er Jahre, der Massenverein mit manchmal bis zu tausend Mitgliedern? Der einzige Zusammenschluß in der Luxemburger Geschichte der mit Fug und Recht von sich behaupten konnte für alle Studenten zu sprechen, und dies mitten im kalten Krieg? TOT!
  • Die UNEL der 70er Jahre, die eine Gewerkschaft werden wollte und doch nur ein sozialistischer Debattierklub von Utopisten wurde? Wo die Kommunisten solange dominierten, nach dem sie ihren eigenen Verein, die ASSOSS, bereits zu Schrott gefahren hatten, bis auch die UNEL zur Bedeutungslosigkeit heruntergewirtschaftet war? TOT, mit gelegentlichen Zuckungen der verrotteten Glieder!
  • Die UNEL der 80er Jahre, die ihre ganze Existenz begründete als eine Alternative zur ACEL, welche die ACEL Leute "Billy-Club!" beschimpfte und doch den Kürzeren zog? TOT! (Bis auf zwei Relikte, den CAR und Theid)
  • und die UNEL der 90er Jahre? "Klinisch TOT!" meint Fränk Engel, der seine Zukunft längst bei einem anderen Verein gefunden hat.

In der Tat sie vegetiert bloß noch. Doch was geschah nun in den 90ern? Dazu müssen wir etwas weiter ausholen; zwei Ereignisse bestimmten die Ausgangssituation:

  1. Der Sieg der ACEL, es waren im wesentlichen ihre Vorstellungen, welche bei der neuen Regelung der "Aide financière" zum tragen kamen.
  2. Mit dem Ende des Kommunismus als Staatsform in Europa wurde hier die links/rechts Frontstellung aufgelockert, es gab eine ideologische Entkrampfung.

Herkunft der UNEL Militanten in den 90ern.

Dank Ereignis 2) fanden nun wieder Studenten aller Couleur zur UNEL, oder anders gesagt, es gab eine Öffnung der UNEL nach rechts. Einige dieser Rechten sind solche, die vor 25 Jahren noch zur ALUC gegangen wären. Letzere hatte nach ihrer Niederlage in den frühen 70ern wieder ihre Religiosität in den Vordergrund gestellt, konservative Areligiöse blieben außen vor. Zu diesen Rechten sind aber auch die Neuen Grünen” zu zählen, jene die ohne marxistische Vorschulung zu grünen Positionen gelangt waren.

"Völlig normale, unpolitische Leute", mich selbst betrachtete ich damals als solchen, fanden zur UNEL aus Enttäuschung über die ACEL, deren größtes Manko die unpersönliche Mitgliedschaft ist! Diese bedingt oftmals eine mangelhafte demokratische Legitimation der Delegierten und ergo des ganzen Vorstandes. Auslöser bei mir, war ihre Unfähigkeit, den abgespalteten damals größten Zirkel, den Brüsseler CELB, wieder in ihr Lager zu ziehen obwohl die Ursache für die Spaltung, die persönlichen Differenzen zwischen den Ex-Präsidenten längst Geschichte waren. Die ACEL verlangte Unterordnung wo Kompromißbereitschaft erforderlich gewesen wäre.

Die UNEL erlebte ihre, zugegeben kurzlebige, Renaissance. In allen Städten fanden sich Werber. "Der UNEL-Mann ist ein sympathischer dufter Kumpel, und so engagiert, dem kaufe ich mal eine Mitgliedskarte ab,

schließlich kauft er auch immer diese dämlichen Lotterielose von meinem Handballclub." So kam die UNEL zwar zu einem ansehnlichen Mitgliederstamm (1993 etwa 350), quer durch den studentischen Garten, blieb aber ein Leichtgewicht. Es nutzte ihr ihre ganze Diskussion um das Wesen der ACEL nichts, diese ließ sich nicht verdrängen, das aber wäre erforderlich gewesen um die weitere Entwicklung zu verhindern. Hätte die UNEL jemals, nach dem Vorbild amerikanischer Homosexuellenverbände eine Mitgliederliste publiziert, die studentische Welt hätte aufgejault wieviel REEL-Prominenz da als linke UNEL-Socken geouten worden wäre. Natürlich hätte das, genau wie ja bei den Schwulen auch, nur böses Blut gemacht, und nichts gebracht!

Und dann (1995) gelang endlich die Annäherung an die ACEL. Es wurde die Table Ronde Nationale (TRN) mit ACEL, UNEL; ANEIL und ALUC aus der Taufe gehoben. Die UNEL strebte damals (1995, 1996) eine Fusion an, diese wurde von der ACEL, dem stärkeren Partner aber abgelehnt, was sie wollen ist Unterordnung!

Der Herbstkongreß

Doch nun hat sich die Situation wieder geändert. Die CSJ- Schüler a Studenten bedienen seit 1995 das rechte Spektrum. Sie hatten der UNEL sogar ihren Präsidenten abgeworben. Obwohl diese ihren Parteigenossen die Doppelmitgliedschaft nicht verbietet, die UNEL driftete dadurch automatisch nach links und verlor erheblich an Repräsentativität. Es hieße allerdings wieder die CSJ-SaS überzubewerten, wollte man sie verantwortlich machen für das Trauerspiel das die UNEL alljährlich zelebriert und sich Kongreß nennt:

Die Bezeichnung "erweiterte Vorstandssitzung" ist zutreffender. Seit vier Jahren bin ich auf diesen Kongressen das Volk, will sagen der einzige Teilnehmer der nicht im Bureau sitzt, saß oder Vertreter des CAR ist. Die Debatten fielen spärlich aus, im wesentlichen wurde nur der Ist-zustand beklagt, wie schon so oft in den letzten acht Jahre wollen ein paar Novizen wieder ausschwärmen neue Mitglieder suchen (Stichwort: Lokalsektionen), doch sie werden nur zahlende, inaktive Ehrenmitglieder finden. Jang Sinnierte noch über einen neuen Maßnahmenkatalog, das gemeinsame Positionspapier mit der ACEL; dabei ist der alte noch nicht umgesetzt, von den meisten sogar noch nicht einmal gelesen. Ja in der Papierproduktion, da waren wir immer gut! Irgendwie mußte ich dauernd an die “Volksfront” von Judäa, aus dem Monty Python- Streifen: "The Live of Brian” denken:

  • "… wir sollten also aufhören mit Reden und endlich handeln”
  • "Ganz richtig! meine Herren das erfordert eine sofortige Diskussion”.

Ich dachte mir, so kann es nicht weiter gehen und machte, einer spontanen Eingebung und einem konspirativen kurzen Plausch mit Mr. X folgend, beim Punkt "Divers" den einzigen konstruktiven Vorschlag der uns endlich aus der Misere heraus führen könnte:

Die UNEL soll ihre Mitgliedschaft bei der ACEL beantragen!

Es war eine Eingebung und ich konnte meinen Schritt da noch nicht erläutern, die anderen stuften ihn als eher destruktiv ein und das Ergebnis war: zwei Stimmen Dafür, sechs dagegen und eine Enthaltung. (Soviel dazu wie sehr der Kongreß besucht war)

Doch die UNEL kommt um ein Tabula Rasa nicht herum! Es fruchtet nichts eine Verschwörungstheorie zu bemühen und diesem Vorschlag, ebenso wie die direkte Konsequenz seines Scheiterns denjenigen von Fränk Engel: “Auflösung des Vereines“, als bloße feindliche Aktionen “der bösen Rechten” abzutun, die horrenden Probleme wegzuerklären und so zu tun als wäre nichts gewesen, die Tatsachen bleiben:

  1. Niemand besucht unsere Kongresse.
  2. Kein Student, nicht einmal unsere Mitglieder, nimmt noch unsere Resolutionen zur Kenntnis.
  3. Im Gegensatz zur UNEL wird die ACEL nicht so ohne weiteres verschwinden können. Solange es den Vereinen gut geht wird es auch eine ACEL geben.
  4. Wir waren die bessere Alternative zur ACEL aber, zu hoffen sie so irgendwann ausstechen zu können (und ihre Pfründe zu übernehmen) ist illusorisch, wäre dies möglich, hätten wir es längst
    geschafft!
  5. Wenn wir mit der ACEL nur kooperieren, erreichen wir bloß daß diese sich mit unseren Federn schmückt (Maßnahmenkatalog) oder unsere Ideen kopiert (E-mail Liste)
  6. Kein gewöhnlicher Student blickt durch im Dschungel der vielen Organisationen, die vorgeben sich um sein Wohl zu bemühen. Würden große Aufklärungsaktionen Besserung bringen hätten wir das längst geschafft!
  7. Auch nach sieben Jahren Perestroika, sechs Jahren Postkommunismus mehreren grünen und sogar einem schwarzen konservativem Präsidenten (CSV) werden die UNELaner den Ruch, Ex-Kommunisten zu sein nicht los, so unsinnig eine solche Annahme auch ist. Doch wenn die Hälfte unsere Zeitung aus Berichten über anspruchsvolle Urlaubsreisen unserer Mitglieder auf Kuba besteht?
  8. Andererseits, die ACEL konnte uns auch nicht vernichten, aber wir laufen eher Gefahr zu verhungern; da helfen keine internationale Kontakte. Wenn die wüßten was für ein Papiertiger wir sind.

Heißt es denn nicht: "Wer nicht siegen kann, der muß sich verbünden" ? Aber ja doch, Fusion ist Fusion, ordnen wir uns ruhig unter! Die Organisation (oder ihr Name) ist nicht so wichtig denn die Politik die sie betreibt, und die hängt von den Personen ab.

Doch stehen die anderen denn besser da?

Nein, keineswegs, aber was heißt das schon? Nichts! Dem besoffenen Unfallfahrer rettet der Verweis auf den ebenfalls betrunkenen Unfallgegner auch nicht den Führerschein.

Betrachten wir nur unsere direkten Konkurrenten:

  1. Die ALUC, wird immer weniger Einfluß haben. Bei dem (von ihr nicht) heraufbeschworenen gesellschaftspolitischen Streit um den Einfluß der katholischen Kirche könnten sie zwar
    noch einmal kurzfristig mehr Militanten um sich scharen. Immer aber wird sie nur eine Strömung vertreten und mehr will sie ja gar nicht. Deshalb wird dieser Verein mit Sicherheit überleben.
  2. Die ACEL, tausend mal wurde es gesagt aber man kann es nicht oft genug wiederholen, ist gar kein Verein sondern ein Dachverband. Wohl schmeißen ACEL Vertreter immer wieder mit ihren berühmten “3000 Studenten” (wer
    die wohl gezählt hat?), die angeblich Mitglieder in den Mitgliedsvereinen sein sollen, in der Presse um sich, privat geben sie aber ohne weiteres zu daß ihre Legitimation zweifelhaft ist. Schon 1991, 1992 hatte die ACEL das Problem daß die Mitgliedsvereine sich einen Dreck um die ACEL-Arbeit scheren. Delegierte werden nicht gewählt sondern ernannt, manchmal ernennen sie sich auch selber. Seit langen hat auch bei der ACEL der “Absenteismus” eingerissen, trotz Aufgabe des allgemeinpolitischen Mandats. Die ACEL hat keinerlei Handhabe gegen “faule” oder falsche Delegierte, sie hat Angst, würde sie hart durchgreifen kämen selbst diese nicht mehr. Aber sie hat ihren wesentlichen Trumpf, die REEL. Von deren Gelingen hängt die ganze ACEL ab, denn die REEL macht sie bekannt. Jedes Jahr aber ist es eine Zitterpartie: wird sich ein Verein finden der sie organisiert? Lediglich diesmal hatte sich der Aachener AVL schon vor sieben Jahren erboten (auf der REEL in Kaiserslautern), sie in seine 100-Jahrfeier zu integrieren.

Die Akademikerarbeitslosigkeit

Es gibt also gar keinen Massenverein, aber nur ein solcher wird ernst genommen. Woher dieser beklagenswerte Zustand? Die Antwort ist ganz einfach: die Masse der Studenten hat einfach kein Interesse mehr an studentischer Politik weil sie sich nicht betroffen spüren! Die “Aide fin.” wird ausbezahlt das einzige das alle Studenten noch bedrückt ist die Aussicht, selbst nach erfolgreichem Studium arbeitslos zu sein.

Denn vor 20 Jahren kam sie, die Akademikerarbeitslosigkeit und hat die gesellschaftliche Rolle, welche Studenten heute noch spielen dürfen definitiv festgelegt. Nach dem Studium ein gefragter unentbehrlicher Mann (oder Frau) zu sein war aber zu allen Zeiten die Grundvoraussetzung welche die Studentenschaft zur einzigen kritischen Intelligenz machte, die nicht
materiell erpreßbar war, keine Rücksicht auf Arbeitgeber oder Vorgesetzte zu nehmen brauchte. Die Studenten verloren ihr Selbstbewußtsein und somit ihre Überzeugungskraft sie spielen in der Gesellschaft keine Rolle mehr

Zurück zur ursprünglichen Frage, was sollen wir tun? Wir müssen endlich die Dinge so sehen wie sie sind, und nicht wie sie sein sollen: Wenn die großen, alle bewegenden Probleme fehlen, sollten, müssen sie auch nicht bewältigt werden und wir haben Kräfteüberschuß. Es ist die Chance jetzt endlich die eine große Massenorganisation zu schaffen die für alle Studenten sprechen kann. Denn wenn der Tag X, wo für die Studenten ein großes Problem ansteht, so gründen unsere Landsleute lieber eine neue völlig neue Organisation als mehreren alten zu vertrauen, welche die Krise ja offenbar nicht haben kommen sehen. Siehe Gründung der ACEL 1984 beim Problem der Aide fin. Siehe auch Schülerstreik. Nur die eine große, voll demokratisch legitimierte, Massenorganisation (O-Ton Theid: eine Mega-ACEL) kann das verhindern.

Der DREISTUFENPLAN.

Wie kann eine solche Organisation geschaffen werden?

  1. Ich denke die Geschichte hat gezeigt daß nur ein Verein mit föderaler Struktur, in seiner einfachsten Form ein Dachverband, dies leisten kann. In unserem Fall ist es einfacher und sinnvoller einen bestehenden zu reformieren, als eine Neugründung. Die UNEL wird in einer ersten Etappe Mitglied der ACEL werden. (Beschluß Weihnachten 97, Antrag Frühjahr 98) Damit gibt die UNEL den Anspruch auf, für alle Studenten sprechen zu wollen und sie betrachtet sich nur noch als Strömung oder als “Partei” innerhalb der ACEL und wird im wesentlichen eine “Gedanken- und Ideenschmiede” sein. In der Vergangenheit hat sie ja schon öfter gezeigt daß Kreativität ihre große Stärke ist. Unsere Novizen hatten auf dem Herbstkongreß angekündigt, sie wollten Arbeit in Lokalsektionen leisten. Das sollen sie, und zwar sollen sie versuchen in ihren Universitätsstädten in die "Comités” gewählt oder ACEL Delegierte für diese Vereine zu werden. Alternativ können, ja müssen sie versuchen die anderen Comitards für die UNEL zu gewinnen, d.h. es muß Überzeugungsarbeit in den Zirkeln geleistet werden. Bei den ächsten ACEL-Wahlen (Weihnachten 1998) könnten UNEL-Leute bereits einige Vorstandsstellen bei der ACEL besetzen. Niemals aber sollte angestrebt werden die ACEL “ganz zu übernehmen”. Wie die Psychologie lehrt könnte die UNEL allein schon aus der Annäherung von Anspruch und Wirklichkeit neue Kräfte gewinnen, diese wird sie auch brauchen denn nun gilt es den zweiten Schritt zu tun.
  2. Es soll eine Massenorganisation gegründet werden. Eine Art
    ACEL-FAN-CLUB. (Es findet sich bestimmt ein klangvollerer Name) Hierbei
    ist dem modernen Clubverständnis des Luxemburgers Rechnung zu tragen.
    Heute erwartet man von einem Club so etwas wie vom RTL-Club, Service und
    materielle Vorteile für die Mitglieder. Hier wird euch schon noch was
    einfallen, verbilligte Urlaubsreisen wie bei der UNEL der 60er 70er Jahre
    etwa. Der Verkauf der Mitgliedskarte dieses Vereines sollte speziellen von
    der Generalversammlung ernannten Vertrauten, etwa den Kassierern der Mitgliedsvereine,
    überlassen werden. (aber: Ein Aachener wird seine Karte etwa in Brüssel,
    der Pariser seine bei der ANEIL kaufen können). Das Geld ist aber an
    die ACEL zu überweisen. (Mißbrauchsproblem, nicht überbewerten,
    dem kann man steuern). Vorteile: – größere finanzielle Unabhängigkeit
    gegenüber Dritten (Staat, Banken, Firmen). – Andere Mentalität,
    bis dato denken die Studenten wie das sog. “Freikornproletariats” im antiken
    Rom: “die sollen mir was bieten, aber nichts von mir fordern, ich habe
    sie ja um nichts gebeten”
    Das würde sich insofern ändern als
    daß die Vereine, als Geldeintreiber der ACEL, sich dieser mehr verpflichtet
    fühlen da sie ja auch, über das Geld unmittelbaren Einfluß
    ausüben können werden.
  3. Im letzten Schritt, übergibt die ACEL-Vollversammlung ihre
    Rechte an die Vollversammlung dieses "ACEL-FAN-CLUBs”. Hier ist jedes
    ordentliche Mitglied stimmberechtigt. Damit auch die Rechte der kleinen
    Vereine zur Geltung kommen, sollen Anträge, Wortmeldung, das Recht
    zur Interpellation, usw. weiterhin den Delegierten vorbehalten bleiben.

Zugegeben ein starkes Stück was ich hier verlange, mal sehen ob es in
der UNEL noch Leute gibt die auch die Eier haben es durchzuziehen! Denk was
ihr wollt, ich habe wenigsten eine tatsächliche Alternative angeboten,
eher durchführbar als die bisherigen Fusionspläne

Catweazle (Aachen)

September 1997