Kurioser Flaggenstreit in Luxemburg

Die Niederländer können es den Luxemburger bestimmt nachempfinden! Hassen nicht auch sie es, von den Einheimischen während ihres Urlaubs in Südeuropa für Deutsche gehalten zu werden? Da ist man sich doch so sicher: Zwischen einem Moffen und uns besteht ein so himmelschreihender Unterschied, das geht doch auf keine Kuhhaut und diese kleinen schwarzhaarigen, dunkeläugigen Cicerones bemerken das noch nicht mal, für sie überwiegen die für uns unangenehmsten Gemeinsamkeiten. Aber zum Glück gibt es ja noch den Fussball! Da schminkt sich der Holländer, zieht sein Oranje-T-Shirt an und schwingt die rot-weiß-blaue Fahne, für alle unverkennbar: Hier in dieser Kurve sitzen Holländer! Wirklich?

Für die Luxemburger ist das alles noch viel schlimmer! Auch sie werden immer wieder für Deutsche gehalten, was sie besonders bedrückend finden wenn den Fehler ausgerechnet die von ihnen hochverehrten Franzosen der Provence machen. Hey, wir radebrechen doch besser französisch als die Preisen! Deutsche können das nicht! Selbst der Trost den die Niederländer im Station finden, bleibt dem Luxemburger versagt. Nicht nur sind sie niemals im Stande die deutsche Nationalelf zu schlagen, wenn sie Fahnen schwingend einer Sportveranstaltung beiwohnen verwechselt man sie mit den Holländern! Denn auch Luxemburgs Fahne ist das horizontal rot-weiss-blau gestreifte Tuch. Dies kommt sicherlich nicht von ungefähr! Luxemburg wurde seit dem Wiener Kongreß 1815 bis zur Thronbesteigung Großherzogs Adolfs 1892 vom niederländischem König in Personalunion regiert. Die belgische Revolution 1831 stürzte einen Teil der Luxemburger dann in eine Art kalten Bürgerkrieg zwischen Anhängern des alten niederländischen König-Großherzogs und jenen, die das Land lieber an Belgien angeschlossen hätten. Dieser Zustand endete erst mit dem 1. Londoner Vertrag, der das Land teilte und die belgische Provinz Luxemburg sowie den unabhängigen Staat des Großherzogtums Luxemburg schuf. Die Identität unserer Flagge mit jener der Niederlande war als politisches Bekenntnis zur angestammten Dynastie durchaus gewollt. Da Luxemburg nicht an die Niederlande grenzt, spielte diese Identität auch nie eine bedeutende Rolle, im Gegenteil: im ferneren Ausland, in jenen Staaten in denen das Großherzogtum keine eigene Botschaft unterhält, nahmen zumeist und nehmen auch heute noch die niederländischen Diplomaten (oder die belgischen) unsere Interessen wahr.

Heute ist das völlig anders! Nicht dass uns die gemeinsame Geschichte peinlich wäre, aber wir hätten halt gerne unser Alleinstellungsmerkmal. Daher hatte es sich in den letzten Jahren eingebürgert bei Sportveranstaltungen, statt der Nationalfahne, die sog. Luftfahrt- und Marineflagge zu schwenken. Diese war nötig geworden, nachdem die Mosel in den 1960er Jahren schiffbar gemacht wurde, erstmals Schiffe unter luxemburgischer Flagge auf Europas Flüssen verkehrten und nicht mit den hier ebenfalls stark vertretenen niederländischen Fahrzeugen verwechselt werden sollten.

Nun kam Michel Wolter, Ex-Minister und Fraktionsvorsitzender der CSV in Spiel. Der hat nämlich vorgeschlagen, diese Flagge durch jene mit dem “roten Löwen” zu ersetzen. Dies, weil unserer Fahne das Alleinstellungsmerkmal fehlen würde und sie zu leicht mit der niederländischen (auch rot-weiss-blau horizontal) verwechselt werden kann.

Kritiker halten ihm entgegen: “Hat Luxemburg denn keine anderen Probleme” oder “Aber die Holländer haben doch ein viel dunkleres Blau als unser Luxair Blau“! Vom Standpunkt der Heraldik aus gesehen, hat Michel Wolter dann allerdings Recht! Das seinerzeit von Colette Flesch eingebrachte Gesetz vom 23 Juni 1972 über die nationalen Symbole, das erste und einzige Luxemburger Gesetz das sich jemals mit diesem Gegenstand befasst hatte definiert die Luxemburger Flagge in Artikel 3 wie folgt:

Le drapeau national se compose d’une laize tissus aux proportions de 5 à 3 ou de 2 à 1, comportant trois bandes égales de couleurs rouge, blanche, bleue disposées horizontalement.

Da steht blau, nicht hell-, azur- oder Luxairblau, sondern nur schlicht: blau! Eins der Argumente der Gegner stich also nicht, auch nicht wenn man in Rechnung stellt dass ein 1993 nachgereichtes RGD in seinen Ausführungsbestimmungen Farbtöne festhält:

  • Art. 1er. Les couleurs du drapeau national sont définies de la façcon suivante:
    — le rouge correspond à la norme Pantone 032C et le bleu à la norme Pantone 299C.

Der Sinn dieser nationalen Bestimmung zielt eher darauf, Einheitlichkeit bei der Beflaggung am Nationalfeiertag zu gewährleisten damit das Land ein stimmiges Bild abgibt, denn die internationalen Regeln der Heraldik ausser Kraft zu setzen. Wer sich den ursprünglichen Zweck der Wappen in Erinnerung ruft, dem leuchtet auch sofort ein, dass in der Heraldik Farbnuancen keine Rolle spielen dürfen: Das Wappen (und die Fahnen) sollten den durch seine Rüstung anonymisierten Ritter für Freund und Feind eindeutig kenntlich machen! Im Schlachtgetümmel lassen sich keine Nuancen ausmachen.

Der rote Löwe

armoiries nationales

Wolters Vorschlag: Statt der Tricolore mögen die Luxemburg künftig auch hochoffiziell die Fahne mit dem Roten Löwen führen! Der rote Löwe mit dem sich andreaskreuzförmig überschlagendem gespaltenem Schwanz, mit der goldenen Krone, den Krallen und der Zunge in derselben Farbe auf weiss-blau horizontal gestreiftem Grund (10 Streifen)! ist dem Hauptstück des seit der Zeit Heinrichs des Blonden bezeugtem Luxemburger Staatswappens entnommen. Diese Flagge hatte bereits das erwähnte Gesetz von 1972 für Handelsmarine und Luftflotte vorgeschrieben, die Flagge ist im Handel erhältlich und geniesst bei den Luxemburgern schon seit längerer Zeit eine gewisse Popluarität. Dazu trägt sicherlich auch der Schlachtruf der Sportsupporter “Roude Léiw, huel se!!” bei. Daher fand sich denn auch rasch ein Supporterclub ein, der Mischi Wolters Vorschlag mit u.a. einer Unterschriftenliste unterstützt, die Initiativ Roude Léiw

Die Gegeninitiativen

Fast genauso schnell fanden sich Gegeninitiativen zusammen, bzw. nahmen Persiflagen ihre Laufbahn auf. Als erste zu nennen wäre natürlich die Initiative Rout-Wäiß-Blo deren Wahlspruch “mir wëllen haalen waat mir hunn” eine Abwandlung der inoffiziellen Staatsdevise “Mir wëlle bléiwen waat mir sinn” darstellt. Dann gibt es noch die Initiative schwaarzt Rëndvéih, die sich eher als Parodie der ganzen Pro-Bewegung auffasst.

Eine gute Zusammenstellung (in dt. Sprache) ist auf Wikipedia.de zu finden, hier auch ein Verweis auf Wikinews

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