OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Die Helmdecken

Die Helmdecken oder kurzweg Decken, lat. laciniae, tegumenta, franz. lambrequins, auch couvertures, engl. lambrequins oder mantlings, ital. lambrequini, span. penachos, ndd. helmdekkleeden, waren ursprünglich Bänder oder Zeug- und Tuchstücke, welche zur Befestigung der Kleinode auf den Helmen, wohl auch zur Verdeckung derjenigen Stelle, an welcher diese mechanische Verbindung selbst Platz fand, gebraucht wurden. Mit der Zeit mag wohl auch der Schönheitssinn diesen Stoffen eine mehr oder minder gefällige Außenlinie oder Drappierung gegeben haben, im Allgemeinen aber glaube ich, dass man bei dem Begriff Decken dieselben vorerst nur als ein Mittel zum Zwecke, nicht als den Zweck selbst zu betrachten habe; deshalb möchte auch die Ansicht früherer Heraldiker, dass sie zum Schutze des Helmes erfunden worden, nicht haltbar sein. Es gibt viele alte Beispiele von Helmen mit Kleinoden, an denen gar keine Spur von Decken sich zeigt (z.B. IV. 29, XXVI. 1180, 87, 88, 94, XXVII. 1199), aber auch eine große Anzahl von heraldischen Siegeln und Denkmalen ältester Zeit, bei denen tuch- oder bandförmige Vermittlungen dieser Art sich finden, z.B. XXVI. 1182. Da die Helmkronen an sich auch schon eine Art von Verbindungsgliedern zwischen Helm und Kleinod sind, so sollte uns am wenigsten wundern, wenn wir bei gekrönten Helmen die Decken am spätesten auftreten sähen. Beweise für das Gegenteil sind aber auch nicht selten.

Die Form der Decken ist je weiter zurück, desto einfacher. In der Züricher-Rolle, wo Schilde und Helme so ziemlich über eine Schablone gezeichnet sind, erscheinen zwar sehr viele Helme ohne Decken, die meisten aber haben eine solche und zwar in der einfachsten Form als enganliegende Mützen oder Hauben über den Helm gezogen. Weitaus die meisten Helme haben diese Mützen von roter Farbe oder von Gold, ohne Rücksicht auf die Farben des Schildes, bei andern ist die Verbindung des Kleinodes mit den Decken praktisch durchgeführt, indem das erstere aus einem Stück mit den letzteren besteht. Diese Art hat sich bis in das Ende des 15. Jahrhunderts, als die Decken schon längst sich in üppigsten Formen ergangen hatten, erhalten und es ist dies in der Tat, wie ich schon oben bemerkt habe, einer der gefälligsten und handsamsten Übergänge und Verbindungen zwischen Kleinod und Decken .

Das Wachsen oder Größerwerden der Decken erzeugte die Möglichkeit, vielleicht auch die Notwendigkeit, denselben passende und zugleich angenehme Konturen zu geben. Die Form von Krägen oder Mäntelchen, welche zwischen Helm und Kleinod ihren Anfang nehmen und entweder schwer und gerade herabfallend (XXVI. 1181, 82, 85, XXVII. 1205) oder mehr und minder flatternd und fliegend, lose oder gebunden (XXVI. 1193, XXX. 1240 ff.), zu einer oder beiden Seiten des Helmes erscheint, ist allmählich in eine mehr ornamentierte übergegangen und zwar dadurch, dass man zuerst bloß die äußeren Konturen der Decken einschnitt (zattelte), nach und nach aber das Tuch selbst in mehrere Streifen schnitt, welche wieder für sich gezattelt wurden. Dass die Decken, wenn der Ritter im Kampfe sich bewegte, hintenab fliegend sich zeigten, mag Veranlassung gegeben haben, dass man bei Nachahmung von Wappen in Bildern die Decken gleichfalls bewegt zeichnete; ein großer Unterschied blieb und bleibt aber immerhin zwischen den Biegungen und Schwankungen eines in der Luft flatternden Tuches und dem künstlichen Faltenwurf, der einem solchen Tuche im Bilde gegeben wird. Deshalb muss man auch die Deckenformen und Gruppierungen auf heraldischen Denkmalen und auf Reitersiegeln (z.B. XXXVI. 1348) wohl auseinanderhalten, und wenn man gleichwohl letztere als eine sozusagen momentan fixierte Bewegung betrachten will, so dürfte doch z.B. die Helmdecke auf dem Siegel des Emicho v. Leiningen (II. 16) nur als licentia artistica betrachtet werden.

Von hohem Interesse für die Entwicklungsgeschichte der Decken ist ein Siegel, das ich (XXXVI. 1351) gebe. Es ist nach einem Originale vom J. 1346 im hiesigen Reichsarchive und führt die Umschrift: + Sigillvm walrao . comit .. de . Spanheim. Der Ritter hält den sponheim’schen Schild in der Linken und das Schwert in der Rechten. Der Kübelhelm ist gekrönt, mit Pfauenbusch besteckt, und auch das Ross, dessen Decke mit dem sponheim’schen Schach überzogen ist, trägt das Kleinod des Helmes auf dem Haupte. Am merkwürdigsten jedoch ist das abfliegende mantelartige schwerfaltige Tuch, welches unter der Krone hervorkommt und offenbar eine Helmdecke vorstellt, welche aller Wahrscheinlichkeit nach in Wirklichkeit so groß und so geformt war, dass sie dem Ritter über den ganzen Oberkörper herabfiel, vorne natürlich offen und an den Seiten wohl mit Schlitzen zum Durchstecken der Arme – gleichsam wie ein Übermantel – versehen war. Das Stoffmuster der Decke ist gleichmäßig wie das der Inseite der Pferdedecke behandelt. Ein weiteres interessantes Beispiel von praktischer Auffassung der Helmdecken gibt der Denkstein des Johannes Herzheimer vom J. 1497, aus welchem die Figur des Ritters XXXIII. 1263 entnommen ist. Die Decken sind hier in Form langer faltiger Tuchstreifen mit einem Knoten, in der Mitte geschürzt, und kommen unter der Krone des Rennhelmes hervor.

Ich überlasse es weiterer Forschung- durch Auffindung ähnlicher Beispiele, wie vorliegende, den praktischen Gebrauch der Helmdecken zu erläutern, jedenfalls verschwindet dem Anschein nach hier die oben gegebene Bestimmung der Decke als Vermittlung gegen die einer kleidartigen Benutzung derselben.

Ich habe auf Tafel XXX zwölf Muster von Decken aus den Jahren 1380-1612 nach Originalen mit den betreffenden Jahreszahlen zusammengestellt, woraus der Leser die Übergangsformen sehr leicht selbst finden wird . Dazu bemerke ich, dass die mantelartige Form der Decken, die im 14. Jahrhundert vorherrschend war, sich im 16. u. 17, Jahrhundert, wenn auch in etwas limitierter Charakteristik, wieder vielseitig geltend gemacht hat. Ich werde Gelegenheit haben, im II. Teile d.h. auf mehrere dergleichen Imitationen der Renaissance gegenüber der ältesten Heraldik hinzuweisen. Die schönsten und reichsten Formen von Decken hat die Zeit der Gotik geliefert und zwar in einer Mannigfaltigkeit, welche Bewunderung erregen muss. Die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts war besonders fruchtbar in dieser Beziehung. Die schlechtesten Formen von Decken, wie überhaupt von allen heraldischen Produkten hat das vorige Jahrhundert geliefert, und es ist nicht nötig, hierfür Beweise beizubringen, da sich dieselben Jeder zu hunderten selbst vor Augen zu führen Gelegenheit haben kann.

Dass die Decken und Tücher schon von ihrem ersten Auftreten an eine Farbe gehabt haben, darüber wird kaum ein Zweifel herrschen, wann man aber angefangen habe, diese Farbe in bestimmten Einklang mit den Farben des Schildes oder des Kleinodes zu bringen, das möchte schwieriger zu bestimmen sein.

Wir haben gesehen, dass der Wappenmaler der Züricher-Rolle noch ziemlich willkürlich darin verfuhr, aus der Mitte des 14. Jahrhunderts dürften sich aber schon Beispiele der späteren und noch heutzutage üblichen Sitte nachweisen lassen, den Decken die Farben der Wappnung zu geben, und da diese immer wenigstens aus einem Metall und einer Farbe besteht, so mag dies die Ursache gewesen sein, warum man den Decken zweierlei Farben, eine von außen und eine andere von innen gab. Welche von den beiden Schildesfarben nach außen zu stehen kam, das hing lediglich davon ab, auf welche Art das Kleinod mit den Decken verbunden war, d.h. ob es unmittelbar in die letzteren überging, oder ob eine Unterbrechung durch Kronen,, Wülste u. dgl. statt hatte. Im ersteren Falle setzte sich die Farbe des Kleinodes, welche ja auch wieder mit der der Schildesbilder korrespondierte, auf der Außenseite der Decken fort, im letzteren Falle konnte die Außenseite der Decken unabhängig von der Farbe des Kleinodes, doch nicht ohne Rücksicht auf die Schildesfarben überhaupt gewählt werden, weil eine mechanische Grenze zwischen dem Ende des Kleinodes und dem Anfange der Decken vorhanden war.

Es ist daher unerweislich, dass bei den Decken immer das Metall innen und die Farbe außen sich zeigen müsse, das gerade Gegenteil hat ebenso viele Möglichkeiten und Tatsachen für sich. Als Regel aber mag dieser Satz bei normalen, insbesondere neueren Wappen, die, wie schon bemerkt, ohne Kronen oder Pausche fast nie mehr entworfen werden, immerhin aufrecht zu erhalten sein.

Es gibt einzelne Wappen, bei denen die zwei Metalle, (G. u. S., und gar keine Farbe erscheint (z.B. Brandenstein), und andere, bei denen zwei Farben und kein Metall in den Decken vorkommen (z.B. Buseck, Breitenbauch, Rotsmann u.a.). Ich halte beide Abnormitäten für unschön und glaube, dass sie ebenso wenig heraldisch richtig seien, als diejenigen Schilde, in denen Metall auf Metall und Farbe auf Farbe sich zeigt (s. hierüber oben S.36). Die meisten derlei Abnormitäten sind wie die „Rätselwappen“ nur so lange Rätsel oder abnorm, bis eine eingehende Untersuchung die Abnormität auf ein Missverständnis irgend eines Kopisten zurückführt und ich nenne hier beispielsweise nur das Pfalz-bayerische Wappen, das seit dem 16. Jahrhundert in der Regel mit schwarz-roten Decken, noch 1532 aber mit den wirklich richtigen schwarz-goldenen gefunden wird.

Es kommen auch, namentlich bei französischen, englischen und niederrheinischen Geschlechtern Decken von Hermelin allein oder von Hermelin und Farbe vor; die napoleonische Heraldik hat auch Fehwerk bei den Decken, rsp. Mänteln, als Innenfarbe angewendet. – Im Allgemeinen darf man aber annehmen, dass die Helmdecken je zweierlei Tinkturen, ein Metall und eine Farbe, haben, und zwar entsprechend den Hauptfarben des Schildes.

Sind im Schilde zwei oder mehrere Wappen vereinigt, so können entweder alle zu den einzelnen Wappen gehörigen Helme mit ihren Decken auf dem Oberrande des Schildes Platz nehmen, oder nur einige derselben, oder auch nur der Haupt- und Stammhelm (s. oben S. 114 ff.). In letzterem Falle ist noch die Freiheit gegeben, diesem einen Helme zweierlei Decken, rsp. denselben viererlei Farben, je zwei auf jeder Seite, zu geben, und hierbei hat, wie bei allen heraldischen Zusammenstellungen, die rechte Hand oder vordere Seite den Vorrang vor der linken Hand oder hinteren Seite, und man gibt in einem solchen Falle den Decken an der Vorderseite die Farben des Stammwappens, denen der hintern Seite die des am Range nächsten Wappens. Dieselbe Regel gilt auch bei Zusammenstellung zweier Schilde, wenn diesen nur ein Helm gegeben wird, z.B. bei Allianzwappen, wo dann die Wappenfarben des Mannes an der vordern Seite der Decken angebracht werden.

Es kommen auch Decken vor, welche in ihren Farben keine Übereinstimmung mit denen des Schildes weisen, dann stehen sie aber sicher mit denen des Kleinodes in Korrespondenz, z.B. bei Hohenlohe, wo die Schildesfarben # u. s., die Deckenfarben aber r. u. S. sind, oder bei Limpurg, wo erstere b. u. s., letztere r. u. s. sind. – Die Ergründung der primitiven Ursachen solcher Abweichungen ist noch ein heraldisches Problema.

Es gibt auch Decken, welche mit anderen kleineren Figuren, z.B. Linden- oder Kleeblättern, oder mit den Schildesfiguren selbst besät sind. Ein Beispiel davon gibt das grünenberg’sche Wappen Tafel-IV. Ein anderes Beispiel habe ich an einem Wappen eines v. Lindegg, Tirol, aus dem J. 1579 gesehen, wo die #, g. Decken außen und innen mit Treffeln oder Kleeblättern in verwechselten Farben besät waren. Ein drittes Beispiel ist XXX. 1245, wo die s. Seite der Decken mit # Wasserschläuchen (s. XXI. 883), die r. Seite aber mit g. Schindeln bestreut ist. Beide Figuren sind hier aus dem Schilde entnommen, und zwar die waterbudets; aus 1. und 4. welche das Wappen Bourchier – in S. ein r. Kerbkreuz von vier # Wasserschläuchen beseitet – und die Schindeln aus 2. u. 3. welche das Wappen Louvaine – in R. von 18. 9. 9. g. Schindeln beseitet ein s. Balken – enthalten.

Mantelartige Decken wurden zuweilen mit dem vollkommenen Wappen von außen bemalt, wie wir bei Savoien und Lothringen Beispiele finden.

Aus diesen Manteldecken hat sich eine neue Art von heraldischen Prachtstücken entwickelt, ich meine die Wappenzelte oder Pavillons. Dieselben haben die Form von aufgeschlagenen Zelten und werden hinter einem ganzen Wappen angebracht) so dass das Innere des Zeltes gleichsam einen Hintergrund für das Wappen bildet. Der Kopf des Zeltes ist oft kuppelartig geformt und mit einer Krone bedeckt, oft auch kommt der Mantel ohne Kuppel direkt aus der Krone. Derselbe ist durchgehend mit Hermelin gefüttert und außen in der Regel von Purpur, Blau oder Gold. Bei ehemals souveränen, sowie bei nicht königlichen Wappen wird häufig Rot statt des Purpurs gewählt. Die Flügel des Zeltes sind entweder in Pausche oder Knöpfe gebunden, oder sie wallen ungebunden in schweren Falten, Goldfransen, Borten, Schnüre und Quasten, sowie Goldspangen mit Edelsteinen bilden regelmäßige Erhöhungen der Außenseite, welche auch oft noch mit Wappenbildern besät ist, z.B. das b. Zelt der Könige von Frankreich (XXXVI. 1352) mit g. Lilien, das pp. Zelt der Könige von Preußen mit # preußischen Adlern (was weniger brillant absticht) und das g. Zelt der Kaiser von Rußland (ib. 1353) mit den # kaiserl. Doppeladlern.

Der Erfinder dieser Wappenzelte, welche sich von den Manteldecken wesentlich dadurch unterscheiden, dass sie nie zugleich Helmdecken sind und sein können, war der Franzose Philipp Moreau, und die Könige von Frankreich waren die ersten Souveräne, welche diese jetzt allgemeine Wappenmode um 1680 in Aufnahme brachten .

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