Mein Engagement für die Critical Mass Bewegung

Es ist an der Zeit hier auch mal was über die Critical Mass zu schreiben. 2018 lernte ich die internationale Critical Mass Bewegung kennen und fuhr im Juni zum ersten Mal in Aachen mit.1

Ich war sofort begeistert. Seither nehme ich regelmässig an Touren in Trier, vor allem aber in Luxemburg teil, wo ich auch arbeite.

Die CM in Luxemburg hatte Gary Diderich gegründet, doch seit letztem Jahr ist er ein profilierter Politiker von nationaler Bedeutung für die Partei der Linken so dass er sich weniger um seine alte parteipolitisch unabhängige Radfahrerorganisation kümmen konnte. Da ich nach Gary der regelmässigste Mitfahrer war, fiel mir dann sowas wie die organisatorische Leitung der CM zu.

Die CM Bewegung in Luxemburg

..hat sehr viele Sympathisanten, das Forum auf Facebook unter https://www.facebook.com/groups/Critical.Mass.Lux/ ist gut besucht und findet regelmässig Leute die engagierte Beiträge verfassen oder zumindest teilen. Mit der Teilnahme an der regelmässigen Fahrt durch die Stadt, die wie fast in jeder Stadt der Welt seit Jahren immer abends am letzten Freitag des Monats stattfindet2, sieht es leider nicht so gut aus. Etwa vier bis fünf Leute bekommen wir regelmässig zusammen, was dann etwas kümmerlich wirkt, in manchem Monaten aber bis 20. Dabei sollen früher regelmässig bis zu 50 Menschen mitgefahren sein. Um dem entgegen zu wirken, hatte ich die engagierteren Mitfahrer die ich so kannte, Anfang Dezember ins George and Dragon, eine britische Kneipe in Luxemburg Stadt eingeladen, denn Luxemburg ist eine internationale Stadt und die CM eine internationale Bewegung. Wir trafen uns zu acht und hielten folgenden Aktionsplan fest:

  1. Wir legen alle Daten fest, und geben eine Plakat oder zumindest einen Flyer damit raus
  2. Wir schaffen eine eigene Homepage um auch Menschen ausserhalb Facebook zu erreichen
  3. Wir lassen uns ein neues Logo entwerfen, das weniger nach “sozialer Revolution” und “parteipolitisch festgelegt” aussieht, denn die aus zwei Rädern hervorragende Faust. Ich persönlich finde das aktuelle Logo allerdings gut, es hat sowas kraftvolles. Das obwohl ich beleibe kein Linker bin, noch nicht mal ein Grüner.

König Auto und unsere Hauptforderung

Trotz alledem, ist die CM natürlich eine Bewegung mit politischen Forderungen! Die wichtigste:

Reclaim the Streets (RTS)!

Seit Jahrzehnten fördern die Wirtschaft und die Politik einseitig das Auto, für das viele Privilegien geschaffen wurden. Die Strassen wurden autogerecht hergerichtet, überall wurden Parkplätze angelegt und wo sie fehlen, finden die Menschen es normal, dass die Autos zumindest mit zwei Reifen auf den Bürgersteigen stehen, selbst da wo es nicht ausdrücklich erlaubt ist. Ein “Pechert” der hier einen Strafzettel schreibt gilt als kleinlich, obwohl so z.B. Rollstuhlfahrer behindert werden, weil der Bürgersteig nicht mehr breit genug ist. Und die Autos werden auch noch immer breiter, genau wie die Menschen die sie fahren. Alle Strassen wurden so angelegt, dass Autofahrer die kürzesten Wege hätten, Fussgänger wurden in Unterführungen verbannt und Radfahrer auf handtuchbreite sogenannte “Radwege” auf dem Bürgersteig. Vor allem in Deutschland begann man ab den 1930er Jahren, die Radfahrer von der Strasse zu verbannen, damit der Autofahrer “stets freie Bahn” haben möge. In Luxemburg waren wir zum Glück immer etwas rückständig. In meiner Kindheit war mit dem Rad auf der Strasse fahren noch ganz normal, aber dann schlug die Demokratisierung des Automobils voll zu. So kam es, dass wir noch nicht mal zu diesen handtuchbreiten Streifen auf dem Bürgersteig kamen (die lernte ich erst in Aachen kennen), sondern gleich zu den in den 2000er Jahren propagierten, ebenfalls kritischen Angebotsstreifen übergingen.
Wird eine Brücke repariert oder umgebaut, wie etwa zur Zeit der Viadukt (“al Bréck”) finden die Autofahrer es normal dass die Radfahrer einen ganz schön gehörigen Umweg über die Adolphebrücke (“nei Bréck) nehmen sollen. Verlangt man von einem Autofahrer hingegen, er soll z.B. einen 5 KM langen Umweg fahren, was in etwa die Entsprechung wäre für den Umweg den die Radfahrer zur Zeit machen müssen, weil der Viadukt immer noch gesperrt ist, dann heulen sie aber! Das wäre ja schlecht für die Umwelt, so das heuchlerische Argument der leidenschaftlichen NUR-Autofahrer, die seit ihrem 18. Lebensjahr in keinem Fahrradsattel mehr sassen, wenn überhaupt schon mal, und es gewohnt sind keinen Meter mehr zu Fuss gehen zu müssen und die Bewegungsenergie aus dem Benzin ziehen. Der Radfahrer muss dagegen richtig in die Pedale treten und kann sie nicht einfach nur benippen…
Überhaupt finden die NUR-Autofahrer, sollten Radfahrer nur noch in ihrer Freizeit auf möglichst billig angelegten Wegen auf dem Lande fahren, aber bitte nicht in der Stadt! Und wird mal eine Brücke nur für Radfahrer eingerichtet oder ein Feldweg geteert, blöken sie in den Foren rum, deswegen sollte jetzt aber bitte kein Freizeitradler mehr vor ihnen auf der Hauptstrasse sein wenn sie gerade “Biergcourse” mit ihrem Auto spielen wollen, schliesslich würden sie ja mit ihren Steuern die Strassen bezahlen. Meist sind es Männer so ab 50 und es ist ihnen noch nicht mal peinlich dass sie damit unfreiwillig preisgeben, was für unterdurchschnittliche Schüler sie einst waren, die wohl Kreide holen geschickt worden waren, als der Lehrer in “Initiation à la vie active” erklärte, dass alle Steuern in einen Säckel kämen und z.B. von der “Steier um Benzin” keineswegs die Strassen bezahlt würden. Oder haben sie unter der Bank die Bravo oder die Kicker gelesen? Nee, ich glaube, eher mit dem Nachbarn Mau Mau gespielt.

Critical Mass möchte, dass die Autofahrer es zumindest in den Städten, wie früher bis in die 1970er Jahren als völlig normal akzeptieren, dass auch Fahrräder wieder auf der Fahrbahn fahren, wo sie sich angewöhnt hatten der König zu sein. Aber es gibt noch viel zu tun, und die Reaktion schläft nicht!

Ausgebremst

Inzwischen habe ich in Michael Merten, den habe ich der Trierer CM abgeworben3, einen zuverlässigen Mitstreiter gewonnen und er organisierte einen Flyer, Marco holte ein Angebot für ein neues Logo ein und hoffentlich funktioniert http://www.criticalmass.lu/ auch bald.

Wir fuhren dann noch im Januar, es kamen trotz der Kälte 8 Leute. Zum 28. Februar lag ich schwer erkältet im Bett, da sind die Freunde aber auch gefahren. War es ein Vorzeichen? Im März kam dann der Shutdown wegen der Covid-19 Pandemie! Am 14. März wollten wir noch in Trier eine Poolnoodleaktion starten, aber alle Aufmerksamkeit richtete sich schon auf die gefährliche Krankheit, wir sagten sie ab. Wir wollten da nicht aus der Reihe scheren und die CM für März und April fielen aus.

Erste Critical Mass unter Corona Bedingungen gefahren

Vor zwei Wochen fuhr ich dann noch mal bei einer Aktion in Trier mit. Doch, doch, ich kam da zufällig mit dem Rad vorbei. Es regnete und so wollte ich eine Pause machen und mich ein wenig ausruhen, drum stellte ich mich unter die Kolonnaden. Dann merkte ich, dass immer mehr Radfahrer ankamen und irgendwann entdeckte ich Anja. Natürlich ging ich zu ihr hin um sie zu grüssen, denn ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und freute mich. Sie zeigte mir ihr tolles neues Faltrad, und auch andere Radfahrer schauten zu. Natürlich hielt ich mich schön auf Distanz zu ihr und den anderen, die meisten kannte ich ja gar nicht und zusammen wohnen tun wir ja auch nicht.
Dann hörte es auf zu regnen, und einer der Radfahrer fuhr los, zufällig in die Richtung in die ich auch wollte, also fuhr ich dem hinterher und die anderen auch. Es machte mir dann aber irgendwie doch Spass und wir fuhren immer weiter. Gut, dass wir jetzt mehrmals um den Stadtkern rumfuhren war vielleicht etwas ungewöhnlich für eine Spazierfahrt, aber ich hatte ja Zeit….

Zeit des Erwachens. Die CM auch in Luxemburg wieder aktiv

Inzwischen kannte auch Luxemburg einige Lockerung und erlaubt auch wieder Versammlungen mit bis zu 20 Menschen, die nicht miteinander verwand sind. Dennoch wagten wir es nicht, für die CM zu werben, und am Freitag fuhr ich zur Place de la constitution an die “Gëlle Fra” und fragte mich, wer überhaupt kommen würde. Nur Michael, Marina und Camille hatten die Absicht bekundet, fahren zu wollen. Ich war um 17:53 da. Dann trudelte einer nach dem anderen ein, rein zufällig natürlich, sie hatten sich wohl an den Flyer und an die Tradition erinnert. 14 Personen zählte ich, ohne dass wir das verabredet hatten! Der Bedarf an Aktion pro Fahrrad scheint da zu sein.
Irgendwann fuhr einer los, und die anderen ihm hinterher, so wie es sein sollte. Unterwegs warb Michael noch eine junge radelnde Touristin aus Kroatien an, die mit uns fuhr. Hätte die CM in Deutschland stattgefunden, hätten wir nun die ausreichende Anzahl an Teilnehmern gehabt um von der Verbandsregel zu profitieren, aber der Code de la route aus Luxemburg hat keine solche Entsprechung.


  1. Wer nicht weiss was Critical Mass ist, hier ein paar erklärende Texte:

    []

  2. Hier bekamen wir letztes Jahr zusätzliche Konkurrenz durch die von mir gutgeheissene Fridays for Future Bewegung []
  3. Nein, natürlich nicht, Michael hat einfach inzwischen eine Arbeitsstelle in Luxemburg und ist nun Pendler wie ich []

1 Comment

  1. Pingback: Zur Situation für Radfahrer rund um die Place de la Constitution – Daniel Erpelding

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