OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Wappenrollen und Wappenbücher.

Es ist schon erwähnt worden, dass die Lehrschriften über Heraldik jünger seien als die Sammlungen von Wappen. Nach Angaben des Herrn von Montagu ist im heraldischen Kollegium zu London eine handschriftliche Wappenrolle vorhanden- welche eine regelgerechte Blasonierung von ungefähr 220 Stück Wappen enthält und aus der Zeit Heinrich’s III. (1216-72) und zwar insbesondere aus den Jahren 1240-45 stammt. Aus der Zeit der nachfolgenden Könige von 1272 bis zu Ende des 14. u. ff. Jahrhunderte besitzt England eine Menge (a great many) Wappen Rollen und Bücher.

Solchem Reichtum an heraldischen Quellen dieser Art in England gegenüber sind wir in Deutschland arm zu nennen, obwohl man uns Deutschen die Uranfänge des Wappenwesens zugesteht. Was mir an nennenswerten Handschriften dieser Gattung-in Deutschland bekannt geworden ist, lässt sich in Nachfolgendem geben.

Die älteste Sammlung von Wappen enthält die sogenannte Züricher-Wappenrolle, eine aus 13 Stücken zusammengenähte Pergamentrolle, worauf 478 Wappen und Banner gemalt sind.

Der Stil derselben sowie andere Kriterien deuten für Entstehung der Rolle auf das erste Viertel des 14. Jahrhunderts. Die Schilde sind gelehnt, die Kübelhelme mit einer Art Mütze (Decke) auf dem Hinterteil überzogen. Jedes Wappen hat sein Kleinod- welches aber mitunter rein willkürlich gewählt scheint, sowie auch einige wenige Wappen reine Fantasiestücke sind, z.B. von Schottland, Britannia u.a.

Der Hauptwert dieser Züricher Rolle für Heraldik besteht meines Erachtens in der durch 500 Wappen konsequent durchgeführten gleichartigen Künstlerhand, und der großen Mannigfaltigkeit der einzelnen Wappenbilder und Kleinode, welche alle denselben nicht heraldischen Geist atmen.

Die zweite wertvolle Quelle dieser Art ist das grünenberg’sche Wappenbuch aus dem Jahre 1483. Der Originalkodex, mit Feder auf Papier gezeichnet und gleichzeitig koloriert, enthält 1980 Wappen und ist im Besitz des Herrn Dr. Stanz in Bern, welcher ihn aus Konstanz erworben.

Das Wappen auf dem ersten Blatt ist das des Verfassers oder Malers Konrad von Grünenberg (in Schwarz ein goldener Fünfberg, auf dem Helm ein Busch schwarzer Federn, Decken schwarz-gold, die Außenseite mit goldenen Lindenblättern besät) und hat nebenbei die Ordenszeichen des hl. Grabes, der Kanne von Aragon- der hl. Katharina und des schwäbischen St. Georgenschildes. Darüber steht: „hab ich Conrat Grünenberg Ritter Burger zu Constentz etc.“ und unter dem Wappen: „Das Buch ist vol burch am Nünden tag des Abrellen do man Zahlt Tusent vierhunder Drü ond Achtzig Jar.“

Ich besitze durch die Güte des Eigentümers Pausen von vier Blättern dieses Originalkodex und gebe hier Taf, VI als Muster das Wappen des Konrad v. Grünenberg in verkleinertem Maßstabe und Tafel VII. vier Wappen (Rottenhan, Schaumberg, Fuchs und Thüngen) in wirklicher Größe von Blatt cli der Handschrift.

Eine gleichzeitige Kopie des grünenberg’schen Wappenbuchs auf Pergament besitzt die Staatsbibliothek in München, und von dieser wurde in verkleinertem Maßstabe durch den + Dorft und den Herrn v. Stillfried in Berlin eine Kopie in Farbendruck veranstaltet (Berlin 1840)- welche es aber nur auf wenige Lieferungen brachte.

Das dritte heraldische Denkmal von Bedeutung, das mir bekannt wurde, ist die Konstanzer Wappenrolle aus dem Jahre 1547. Sie ist aus zwei großen Pergamentbogen zusammengesetzt und enthält zusammen 153 gemalte Wappen adeliger Geschlechter Schwabens und der Schweiz, soweit sie der Gesellschaft „zur Katze“ in Konstanz einverleibt waren. Der Wappenschild dieser Gesellschaft ist, von einer Dame mit dem Konstanzer Banner gehalten, zu Anfang der Rolle angebracht.

Der Stil der Wappen ist wie die Ausführung selbst vortrefflich. Die Helme, Schilde und Decken enthalten Anklänge an die Formen des 14. Jahrhunderts; der Charakter der Wappenfigur und Kleinode ist jedoch entschieden noch der des 15. Jahrhunderts. Ich gebe auch von dieser Rolle auf Tafel VIII zusammenhängende Muster.

Ungedruckte Wappenbücher werden im 16. und 17. Jahrhundert immer häufiger und ich selbst habe mehr als ein Dutzend derselben in Händen gehabt, ohne jedoch in einem derselben etwas Bemerkenswertes entdeckt zu haben. Wie die heraldische Selbständigkeit, so nimmt auch der Wert der Formen allmählich ab, und ich habe heraldische Kodizes aus dem 18. und 19. Jahrhundert gesehen, die geradezu scheußlich zu nennen waren, denn es ging ihnen nicht nur die Fertigkeit der Zeichnung, der notwendige Charakter heraldischer Malerei, sondern auch die Kenntnis der einfachsten heraldischen Regeln ab, ja soweit war man zuweilen herabgekommen, dass man nicht einmal mehr ein vor sich liegendes gutes Muster zu kopieren verstand. Deshalb schweige ich billig von den Namen der Autoren dieser Werke.

Von gedruckten deutschen Wappenbüchern ist das älteste bekannte „das Conciliumbuch geschehen zu Costencz“, Augsburg 1483.

Nach diesem sind die Wappenbücher von Schrot 1551, Solis 1555, Feyerabend 1596 und der erste Band von Siebmacher’s Wappenbuch 1604 in Bezug auf Stil und Auffassung brauchbar. Je weiter gegen unsere Zeit, desto schlechter werden auch die gedruckten Wappenbücher. Erst in neuester Zeit sind wieder etwas bessere Produkte zu Tage gefördert worden.

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