OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Schildhalter,

lat. telamones, atlantes, franz. tenants, supports, soutiens, engl. tenants, supporters, ital. sostegni, tenenti, ndd. schildhouders, sind Figuren von Menschen oder Tieren, welche hinter, neben oder unter dem Schilde sich befinden, gleichsam in der Absicht, den Schild oder beziehungsweise das Wappen zu halten und zu unterstützen. Die deutsche Heraldik macht in der Bezeichnung, je nach der Stellung oder Natur dieser Figuren, keinen Unterschied, sondern begreift sie alle unter dem Namen Schildhalter. Die französische, englische und italienische Heraldik aber will unter tenants, tenenti nur menschliche Figuren, unter supports, supporters, sostegni aber nur Tiere begriffen haben. Liegende Tiere, die zu Füßen eines Wappenschildes erscheinen und die nach unseren Ansichten eigentlich keine Schildhalter sind, nennen die Franzosen soutiens posés en baroque.

Der Ursprung der Schildhalter geht nicht wohl weiter als ins 14.Jahrhundert zurück, und mag zunächst in den Siegeln gesucht werden, bei welchen der leere Raum zwischen Schild und Schriftkranz mit passenden Figuren ausgefüllt wurde. Es ließe sich demnach die Ansicht aufstellen, dass Schildhalter anfänglich sogenannte sphragistische Beigaben gewesen seien, die dann mit der Zeit aus den Siegeln in die freiabgebildeten Wappen übergegangen seien.

Wenn Laune, Willkür und Geschmack je in heraldischen Produkten sich bemerkbar gemacht haben, so war dies in der Praxis, die mit Schildhaltern geübt wurde, der Fall. Nicht nur dass wir die verschiedenartigsten Figuren an sich als Schildhalter angewendet finden, so bemerken wir sogar bei ein und demselben Geschlechte, ja bei ein und der nämlichen Person im Laufe der Zeit ganz entschiedene Abwechslung in diesen heraldischen Pracht- oder Zierstücken.

So sind z.B. die Löwen, die als Schildhalter des bayerischen Wappens gegenwärtig offiziell und seit etwa 300 Jahren usuell geführt werden, keineswegs die ausschließlichen Schildhalter des bayerischen Wappens gewesen, sondern wir finden in Siegeln der Herzoge, auch wilde Männer, Engel, nackte Frauenzimmer als solche, wie die vielen Abbildungen von bayerischen Herzogssiegeln in den Mon. boicis und die Zusammenstellung über das bayerische Wappen in Lipowski, „Grundlinien der Heraldik“ (München 1816. S. 153 ff.) beweisen. Ebenso kommen beim österreichisch en Wappen Engel, Löwen und Greifen als Schildhalter vor, welch’ letztere jetzt offiziell sind.

Ebenso wenig als an eine Fixierung der Schildhalter in älteren heraldischen Zeiten darf man an eine Bevorzugung denken, die denjenigen Wappen, welche Schildhalter führten, vor denen ohne solche zuzuerkennen wäre. Hoher und niederer Adel, ja sogar Nichtadelige, geistlich und weltlich, Männer und Frauen, haben Schildhalter geführt und es ist kein haltbarer Grund dafür, weshalb dies nicht auch heutzutage noch sein sollte, man müsste denn behaupten wollen, Wappen des niederen Adels dürften nicht so prachtvoll aus gestattet sein, als solche des höheren Adels; aber auch bei dieser Behauptung würde man den Satz nicht umkehren können, weil erfahrungsgemäß gar häufig Wappen von Souveränen vorkommen, welche keine Schildhalter führen, z.B. Oldenburg, Kirchenstaat, Neapel, Kaisertum Frankreich u. a.

Eine offizielle Ansicht und Entscheidung eines Adelsamtes vom J. 1834 über das Recht oder Vorrecht, Schildhalter zu führen, gebe ich aktenmäßig in der Note , dagegen bemerke ich, dass man in neuester Zeit bei einem anderen Heroldenamte dieser Aengstlichkeit sich gänzlich entschlagen zu haben scheine, indem man einem Wappenentwurfe zu einer einfachen Nobilitation die demselben einverleibten Schildhalter ohne weitere Bedenken genehmigte. Ich erwähne dies umso lieber, als ein bedeutender Schritt vorwärts im Verständnis der echten Heraldik an maßgebendem Orte damit geschehen sein dürfte.

Ich komme nunmehr dazu, die verschiedenartige Anwendung von Schildhaltern durch einige historische Beispiele zu illustrieren, Tafel XXXIII. gibt deren elf und zwar alle nach Siegeln und Denkmälern. Die erste Art von Schildhaltern ist die, dass der betreffende Wappenherr seinen Schild selbst hält. Derlei Darstellungen finden sich auf gar vielen alten Monumenten und Siegeln. Hierbei lässt sich nichts Anderes denken, als dass der Ritter in dem wirklichen Waffenschmuck dargestellt sein wollte, also dass der Schild auch seinem wirklichen Wappenschilde nachkonterseit war. In der Regel hält der Ritter dann in der anderen Hand entweder seinen Helm oder eine Fahne, Bei Cibrario finden sich mehrere hierher bezügliche Siegel abgebildet. In der Kirche zu Flonheim ist ein sehr schönes Denkmal dieser Art vom Wildgrafen Friedrich von Kirchberg d.a. 1269. Hierher gehört auch der schon erwähnte Grabstein Günthers von Schwarzburg zu Frankfurt, und eine ansehnliche Zahl derartiger Monumente, welche in Montfaucon’s „Antiquités de France“ und in den „Antiquarischen Verhandlungen der Londoner Gesellschaft“ abgebildet sind. Ziemlich spät und sehr originell ist das Beispiel (1263) von dem Gedenksteine Johannes Herzheimer’s aus dem J. 1497 in der Kirche zu Trostberg. Der Ritter kniet in sogenannter gotischer Rüstung mit Rennhut oder Salad, auf welchem das Kleinod angebracht ist und mit weitabfliegenden Decken. Die linke Hand legt er an’s Schwert, mit der Rechten hält er eine Fahne, darauf eine Devise, und am Vorderarme hängt an einem Riemen ein Tartschenschild mit dem herzheimer’schen Wappen.

Eine zweite Art gibt das Beispiel (1258) nach einem Grabsteine zu Gars vom J. 1488. Hier sehen wir die Frau, so zu sagen, als Schildhalterin des männlichen Wappens, Frau Magdalena, Adolf Ebenstetter’s Hausfrau, die vor Gram über die Trennung, rsp. lange Abwesenheit von ihrem Gemahl, Adolf Ebenstetter, starb, worauf auch die Worte auf dem Spruchband: mich schbecht meyden und der Buchstabe A. d.h. Adolf, auf dem Kleide Bezug haben – hat an einem Gürtel den Wappenschild ihres Mannes umhängend, während sie mit der Rechten den Helm mit Kleinod und Decken umfaßt. Die Linke hält das Kleid, in markigen Falten empor und zu den Füßen ist die Kröte als Sinnbild der Unsterblichkeit, und der Hund, als das der Treue. Ich halte dies Denkmal, sowohl was die heraldische, als was die ästhetische Seite an belangt, für ein unicum, das namentlich in letzterer Beziehung einen Lichtstrahl auf die so vielfach breit geschlagene „Roheit“ der mittelalterlichen Sitten wirft.

Etwas verschieden von diesen Selbst-Schildhaltern sind diejenigen, welche nicht mit der Person des Wappenherrn, sondern nur mit seinen speziellen Ideen oder mit den Bildern des Wappens selbst in Korrespondenz stehen.

Hier ergeben sich bei genauerer Beobachtung dreierlei Arten der Anwendung) nämlich:

  1. Ein Schildhalter hält ein Wappen,
  2. Zwei Schildhalter halten ein Wappen,
  3. Ein Schildhalter hält zwei Wappen.

Die Stellung der Schildhalter ist bei Menschen und Tieren in der Regel aufgerichtet, doch kommen erstere auch knieend (1254), letztere mitunter gekrüpft (1259, 60) vor. Auch fliegende Schildhalter finden sich auf Siegeln, Denkmälern, und ich erinnere hier insbesondere an den schwebenden Engel, der zwei Schilde an Schnüren hält, in dem Meisterwerke der Siegelstecherkunst, dem Verlobungssiegel des Erzherzogs Maximilian und der Maria von Burgund vom J. 1477, bei Bredius und Herrgott abgebildet. Ebenda ist auch ein Siegel vom J. 1485, wo über den Figuren der Reiter ein Greif mit dem österreichischen Schilde schwebt. Zuweilen haben die Schildhalter zugleich das Haupt im Wappenhelme steckend oder verborgen, wie solcher Beispiele außer den hier gegebenen sich bei Bredius mehrere finden. Auch ein sehr schönes laiminger Wappen auf einem Grabsteine zu Seeon ist mir bekannt, wo ein Löwe, dem vorne an der Brust der Schild hängt, den Kopf im Helme steckend hat und mit den Pranken ein Banner hält.

Eine launische Abnormität gibt 1255 und 56 auf unserer Tafel XXXIII. nach einem Siegel des Jean de Berry vom J. 1360 in den „Sceaux des grand feudateurs“. Hier sitzt ein Löwe mit übergestürztem berry’schen Wappenhelm einem Schwan gegenüber, welcher den Wappenschild an einem Bande umgehängt hat.

Beispiele von einem Schildhalter mit einem Wappen gibt 1254 nach dem Siegel des Domkapitels in München d.a. 1500. Der Schild enthält das Wappen des Stiftes Ilmmünster, das nach München transferiert und dort in ein Domstift umgewandelt wurde, und wird von einem knienden Engel gehalten, 1253 ist nach einem Siegel eines Giesser’s von Tegernbach in der Hallerthau, zum kleinen bayerischen Adel zählend, vom J. 1520. Das Wappen (s. auch oben Tafel XIII. 277) wird von einem nackten Frauenzimmer gehalten. Derlei Nuditäten finden sich in alten Wappen vielfach, und noch gegenwärtig führen z.B. die Fürsten von Schwarzburg ein solches nacktes Frauenzimmer als Schildhalterin zur linken Seite. Die sogenannten wilden Männer) welche auch nackt mit Laubkranz und Schürze abgebildet werden, erscheinen ziemlich häufig als Schildhalter, z.B. im königl, preußischen, königl, dänischen u.a. Wappen.

1260 ist nach einem öttingischen Siegel von 1427. Ein Greif, vielleicht auch ein geflügelter Löwe, hält gekrüpft den öttingischen Schild und trägt den dazu gehörigen Wappenhelm über den Kopf gestürzt.

1259 nach einem Siegel mit der Umschrift: Arnolt van Seige. d. jong. vom J. 1540. Der Löwe sitzt gekrüpft mit durchgezogenem Schweife, hält den Schild mit den Vorderpranken und hat den Kopf in den Spangenhelm mit dem Hörner-Kleinode gesteckt.

Als Beispiele der zweiten Art, d.i. zweier Schildhalter an einem Wappen, gebe ich:

  • 1261, nach einem Siegel Heinrich’s von Buebenberg, niederen schweizer Adels vom J. 1450. Zwei Löwen halten hier den Schild mit der einen und den Helm mit der andern Pranke.
  • Ferner: 1252, nach einem schönen Siegel der Stadt Budweis in Böhmen, – Würde nicht das Siegel selbst die Jahrzahl 1569 in sich tragen, so möchte man versucht sein, die Arbeit um 50-60 Jahre älter zu schätzen. Die beiden Ritter haben noch vollständige gotische Rüstungen an und auch die Behandlung der Krone und des Faltenwurfs in den Decken deutet auf ein Motiv aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts.
  • Ferner als Beispiel mit zweierlei Schildhaltern, einem Löwen und einem Greifen, zeigt sich 1257 nach einem Siegel Philipp I., Herzogs von Pommern, mit der Jahreszahl 1522.

Ein Beispiel der dritten Art, nämlich ein Schildhalter zu zweien Wappen gibt 1262, nach einem schönen Denksteine aus dem Ende des 15. Jahrhunderts im Kloster Baumburg. Das Männlein) welches die beiden Schilde Degenberg und Laiming hält, hat etwas Schalksnarren-, vielleicht auch Gnomenartiges an sich) denn das Größenverhältnis desselben zu den Schilden ist auffallend auf Zwergnatur deutend. Die ornamentierte, helmdeckenartig umgeschlagene und ausgeschnittene Kleidung, sowie die Zacken- oder Federnkrone gibt dem ganzen Burschen etwas Abnormes, wobei aber nicht wohl entschieden werden möchte, ob hier die Laune des Künstlers allein oder die Idee und Auftrag des Wappenherrn bei der Ausführungmaß gebend gewesen waren.

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