OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Der Schild,

lat. scutum, franz. écu, écusson, engl. shield, escutchon, ital. scudo, spanisch escudo, ndd. schild, ist jedenfalls die älteste Schutzwaffe, die wir kennen, und gewiss älter als Helm und Leibharnisch. Der Schild unterlag je nach dem Kulturzustand verschiedener Völker auch verschiedenen Änderungen in der Form und Ausführung, und wir brauchen uns nur die noch heutzutage bei den mongolischen Racen im Gebrauche stehenden runden Schilde zu vergegenwärtigen, um ein Beispiel einer durch taufend Jahre unveränderten Form und Kultur zu haben. Dass die Römer und Griechen prachtvolle Schilde hatten, ist gleichfalls bekannt, und wer des Sängers Homeros Beschreibung des kunstvollen Schildes Achilles’ liest, wird sich unschwer eine Vorstellung von dem Luxus machen, den man in jenen Zeiten auf den Schild verwendete. Dass die Römer und Griechen zu gleicher Zeit verschiedene Formen von Schilden kannten, ist aus deren Bestimmung und Namen zu ersehen. Scutum, cetra, clipeus, parma waren die Hauptarten der Schilde. Auch von unseren Voreltern ist bekannt, dass sie zu Fuß und Pferde Schilde führten und dass sie diese Schilde mit bunten Farben bemalten, auf welchen Satz hin die Heraldiker gewöhnlich behaupten, dass man den Ursprung ihrer Wissenschaft „denen alten Deutschen vindicieren mueß.“

Wenn man allerdings die Lehre von dem Schilde im Begriffe der Heraldik auf die Untersuchung und Aufzälung aller möglichen Schildesarten, vergangener und gegenwärtiger Völker bauen wollte oder müsste, so würde man wie Bernd auf den Abweg kommen, auch von Schildesbildern, Helmen usw., also von der Heraldik der alten Völker zu handeln. Dass dies aber weder wünschenswert noch zweckmäßig sei, das muss uns der Begriff der Heraldik selbst geben.

Schon Schmeizel hat in seiner „Einleitung zur Wappenlehre“ dies erkannt, indem er S. 117 sagt: „Und also bleiben wir unbekümmert um die Gestalt derer Schilde, welche die Aegyptier, Phönicier, Griechen, Amazonen, Römer usw. in ihren Kriegen zu Fuß und Pferd gebrauchet…. da in einem Compendio dergleichen excursiones weg bleiben sollen, und das von Rechtswegen.“ Allerdings meint er, in einem „systemate“ könnten dergleichen Dinge Platz haben, wie bei dem Spenerus, ich glaube aber, dass selbst dort das Kapitel von den Schilden (I. cap. 3) von Anfang an unrichtig aufgegriffen ist, indem drei Vierteile dieses Kapitels für die Heraldik unfruchtbare Dinge enthalten. Wenn wir also nach dem gemeinen Sprichworte nicht die Kirche um’s Dorf tragen wollen, so bleiben wir fiereng bei der Sache und handeln in der Heraldik nur von heraldischen Schilden. Unter einem heraldischen Schilde im weiteren Sinne verstehen wir eine mit bestimmten Bildern bemalte Schutzwaffe, deren sich die Streiter im Mittelalter bedienten, um damit die eigene Person zu deten, und zugleich nach außen gewisse Kennzeichen über ihre Persönlichkeit dabei vor Augen zu stellen ).

Im engeren Sinne des Wortes verstehen wir unter einem heraldischen Schilde eine nach bestimmten – Formen gezogene Grenzlinie für ein Feld und seine Bilder.

Hieraus folgt einerseits, dass das älteste Wappen auch die älteste Schildesform zeigen müsse, anderseits aber auch, dass es Schildesformen geben könne, welche mit den wirklichen praktisch angewendeten nicht übereinzustimmen brauchen, wenn sie aus einer Zeit stammen, in der heraldische Schilde nur mehr auf dem Papier in Gebrauch waren.

Dass es zur Zeit der lebendigen Heraldik einen Unterschied der Schildesformen in Bezug auf die Nationalität gegeben habe, das lässt sich unbedingt verneinen, denn Zweck und Anwendung blieben und änderten sich bei allen germanischen und romanischen Völkern so ziemlich übereinstimmend, und es lässt sich nicht beweisen, dass eine Nation gegen die andere während mehreren Jahrhunderten unter einander ganz verschiedene Schildesformen im Gebrauch gehabt habe, dagegen mag seit Auschören der lebendigen Heraldik ein Unterschied in der Vorliebe einer oder anderen Nation für diese oder jene Form der Schilde durchaus nicht abgeleugnet werden.

Ich unterscheide demnach ursprüngliche und nachgeahmte heraldische Schilde. Die ersteren lassen sich in zwei Hauptgruppen bringen, in die Dreieck- und in die Tartschenform.

Die dreieckigen Schilde sind die ältesten. Ihre Form und Größe ist wieder verschieden je nach der Zeit ihrer Entstehung und nach ihrer Verwendung. Der Schild des zu Rosse Streitenden konnte fachgemäß nicht so groß sein, als der des zu Fuß Kämpfenden. Vergleichen wir auf Reitersiegeln des 12. und 13. Jahrhunderts die Höhe des Schildes mit der des Reiters, so ergibt sich fast durchschnittlich für ersteren die Hälfte vom Letzteren. Zu Ende des 13. bis zur Hälfte des 14. Jahrhunderts sind die Schilde der Reiter schon bedeutend kleiner und nehmen etwa ein Drittteil der Mannshöhe ein.

Zu Ende des 14. Jahrhunderts verschwinden wenigstens bei uns die Dreieckschilde bei Reitern und kommen nur ausnahmsweise noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vor, während sie in heraldischen Siegeln, auf Grabsteinen usw. sich etwas länger erhalten haben. Die Form dieser Schilde ist entweder ganz keilförmig oder mit mehr oder weniger ausgeschweiften Seiten, z.B. I. 7, 8, III. 22, XI. 106 ff. und abgerundeten Oberecken, z.B. III. 23, IV. 27.

Von wirklichen Dreieckschilden sind uns noch einige Dutzende in der Elisabethkirche zu Marburg erhalten, worunter ein prachtvoller des Landgrafen Johann (?) von Thüringen, 2 1/2 Fuß hoch auf 2 Fuß Breite ). Dieser sowie die späteren Dreieckschilde überhaupt sind ganz eben, während die ältesten nach vorne in einem Halbkreis gebogen erscheinen.

Die nächstjüngeren Schilde sind die sogenannten Tartschen oder Stechschilde, lat., ital. und spanisch targa, franz. Targe. Ihr Hauptkennzeichen ist, dass sie auf einer Seite mehr ausgeschweift sind, als auf der andern, eine nicht unbedingt notwendige Eigenschaft sind halbkreisförmige Ausschnitte auf der Vorderseite zum Einlegen des Rennspießes (113, 115). Diese Stechschilde sind auch gewöhnlich in ihrer Fläche etwas hohl gebogen, d.h. der Oberrand und der Unterrand stehen weiter hervor als die Hauptfläche.

Häufig findet man auch diese Tartschen in der Mitte noch einmal in einen scharfen Grat gebogen (z.B. 114. 115). In ihrem Größenverhältnis zum Manne stehen sie etwa wie 1:5, sind also weit kleiner als die älteren Dreieckschilde.

Eine weitere Schildsform jener Periode ist die halbrunde (VI. 46, VII. 54 ff. XI. 115), mit geradlinigem Seiten- und Oberrand und einem halbkreisförmigen Fußrand. Ich habe mehrere hundert Siegel und Grabsteine verglichen, um daraus zu finden, welche der beiden Formen, die der Tartschen oder die der halbrunden Schilde, älter sei. Ich muss gestehen, dass ich hierin zu keinem festen Schlusse gekommen bin. Ich finde nämlich Dreieckschilde noch um dieselbe Zeit, in der schon Tartschenschilde vorkommen, und ebenso Halbrundschilde neben Tartschen- und Dreieckschilden ). Es muss weiteren Forschungen überlassen bleiben, diesen Zweifel endgültig zu lösen.

Aus den Tartschen- und Halbrundschilden hat sich zu Ende des 15. Jahrhunderts eine Form herausgebildet, welche die Hauptcharaktere beider vereinigt. Es sind dies die sogenannten deutschen Schilde (117, 119, 120), welche sich von den halbrunden Schilden durch spitzige Ecken, ausgeschweifte Seiten und Einschnitte, von den Stechschilden aber dadurch unterscheiden, dass diese Einschnitte und Ecken zu beiden Seiten des Schildes gleichförmig erscheinen ). Allmählich mit dem Vorschreiten des Renaissancestiles finden wir mehr und mehr Künstelei an dieser Schildesform; die Ecken zeigen sich zuerst wenig, dann häufiger und weiter aufgerollt (121, 122), bis endlich eine förmliche Rahm von Schnörkeln um den Schild sich aus bildet, der Schild selbst aber wieder eine einfache Grenzlinie erhält (123, 124). Diese Schilde pflegt man Rahmen- oder Kartouche-Schilde, ital. cartoccio, zu nennen ).

Die eirunden Schilde, wie z.B. XI. 124, scheinen mir in der Wirklichkeit nie geführt worden zu sein, ebenso die obwohl schon frühzeitig vorkommenden viereckigen, unten in Form einer Klammer { geschlossenen Schilde, lat. scutum gallicum, franz. écu français, ital. samnitico) (X. 102, 103, XI. 124) ). Von Bannerschilden, lat. sctutum quadratum, franz. écu en bannière, ital. Scudo banderiale, ndd. banierschild, d.h. ganz viereckigen in Form eines Banners (XXXV. 1324) erscheinenden Schilden kenne ich in Deutschland nur die beiden oben S. 19 aufgeführten Beispiele aus Siegeln- doch glaube ich kaum, dass bei Entstehung dieser viereckigen Siegel an einen Bannerschild gedacht worden sei.

Von herzförmigen Schilden ist der älteste mir bekannt gewordene auf dem Siegel des Herzogs Heinrich von Österreich vom J. 1220, der sich in der Siegelumschrift: Henricus dei gratia de medellico nennt. Der Schild enthält zwei übereinander schreitende Löwen. Ich bemerke jedoch hierzu, dass man sich auf die Genauigkeit der Zeichnung im angezogenen Buche nicht verlassen könne, demnach etwa auch im Original ein bloßer Dreieckschild gewesen sein kann. Ein neueres Beispiel, das wohl bloßer Laune seine Entstehung verdankte, gibt ein Graf Erbach’scher Schild bei Spener I. tab. 3.

Die Rautenschilde, lat. rhombus, franz. écu en losange oder bloß losange, engl. engl. lozenge-shield, ital. scudo feminile, span. escudo a lozanja, ndd. ruitschild, sind eine französische Erfindung und werden von der neueren Heraldik eigentlich nur den Damen zugestanden, sowohl ledigen als verheirateten. Palliot S. 308 sagt darüber: Quand aux escus des femmes ils doiuent estre en forme de losange ou fusée, à cause que le principal honneur de la femme consiste zu mesnage qui se represente par la quenouille et le fuseau…

Jedenfalls war das eine schöne Zeit, wo man es als die höchste Ehre der Damen betrachtete, dass sie sich auf Roken und Spindel verstanden, nichtsdestominder möchte ich glauben, dass der Ursprung der Rautenschilde mit dieser Ehre wenig gemein habe. Die Form dieser Damenschilde ist sehr handsam und keine der übelsten Erfindungen in der Heraldik. Es ist übrigens unrichtig, zu behaupten, diese Schildform sei von Frauenzimmern zuerst oder auch nur allein geführt worden. In der „collection de sceaux des archives de l’Empire“ zu Paris findet sich das älteste mir bekannt gewordene Beispiel eines Rautenschildes und zwar in dem Siegel eines Mannes, des Pierre de la Fauche, eines Ritters aus der Champagne, vom J. 1270. Der Schild enthält ein einfaches Kreuz. Das nächstälteste Beispiel ist ein Siegel der Johanna, Gemalin des Grafen Johann von Beaumont en Oise 1271. Hr. Drouet d’Arcq, dem ich diese gefälligen Mitteilungen verdanke, fügt hinzu: „La comtesse y est représentée en pied et son sceau offre cette singularité que les deux écus qu’il contient, celui de son mari et le sien sont gravées sur sa robe.“

Von diesem Jahre an finden sich nach derselben Mitteilung viele Siegel mit Rautenschilden in dem gedachten kaiserl. Siegelkabinette. – Ein Damensiegel mit rautenförmigem Schilde, dessen Seiten etwas eingebogen sind, führte Beatrix von Savoien 1331. Der Schild enthält das savoische Kreuz allein, (v. Sava, Frauensiegel des Mittelalters etc. S. 142.) Sibrario p. 134, Taf. X. 51 hat dasselbe Siegel etwas abweichend in der Form, Haimon Graf von Savoien führt 1330 und 1332 gleichfalls Rautenschilde (ib. 148. Tab. XIII).

Aus dem 15. u. ff. Jahrhunderten finden sich bei Montfaucon viele Beispiele von derartigen Schilden, Menestrier in seiner „Usage des armoiries“, S. 124 – bringt ein Damensiegel mit Rautenschild von Alice von Maniel, Wittwe des Johann de Pelle, vom 24. Nov. 1493 bei, mit einem Engel als Schildhalter. Prinsault spricht in seinem „Traité du blason 1416“ von der Form der Schilder also auch von der vor liegenden überhaupt nicht, und es findet sich auch kein Beispiel dieser Art unter den Abbildungen.

Ganz runde Schilde kommen auch zuweilen vor, namentlich in Wappen der Hosenbandritter, weil das Ordensband in Kreisform um den Schild gelegt zu werden pflegt und man daher nicht selten den ganzen Schild nach dieser Form gestaltet hat.

Man hat, wie schon bemerkt, die Schilde nach ihren Formen auch gewissen Nationen zugeteilt, und nannte z.B. die Form X. 102 die französische, dann die halbrunden spanische, die eirunden italienische, die ausgeschnittenen aber deutsche Schilde. Dass dies aber gänzlich unbeweisbar seit ergibt sich aus der Anschauung der alten Muster, und ich wiederhole, dass die wirklichen heraldischen Schilde zu allen Zeiten bei allen Nationen- die sie führten, so ziemlich gleichförmig und gleichzeitig in Übung gewesen seien- dass aber mit dem Aufhören der lebendigen Heraldik Mode und Laune, unbeengt von der Nationalität, das Ihrige in Erfindung und Gebrauch neuer Schildesformen getan haben.

Die Einteilung eines Schildes und die Benennung dieser Teile ist althergebracht und bei allen Nationen gleich, sowie es auch durchgehends angenommen ist, dass die Begriffe von Rechts und Links in der Heraldik den entsprechenden im gemeinen Leben gerade gegenüber stehen.

Nach beistehender Figur ist AB der Oberrand, CD der Unterrand, ferner AC der rechte und BD der linke Seitenrand.

Nach Umständen, d.h. wenn der Schild für sich allein steht, kann man AC auch den Vorderrand und BD den Hinterrand nennen. (Siehe jedoch hierüber weiter unten bei der Stellung des Schildes.) Im Schilde selbst ist 1. das rechte und 3. das linke Obereck, 7. das rechte und 9. das linke Untereck, 5. die Herzstelle, 1. 2. 3. ist Schildeshaupt, 7. 8. 9. Schildesfuß, 1. 4. 7. die rechte und 3. 6. 9. die linke Seite, 2. 5. 8. aber die Pfalstelle und 4. 5. 6. die Mittelstelle.

Bem.: Liegt in einem Schilde auf der Herzstelle ein Schild, so heißt dieser Herzschild (franz. sur le tout), hat aber dieser Herzschild in seiner Mitte wieder einen kleineren Schild, so heißt dieser letztere Herzschild (sur le tout du tout) und der erstere Mittelschild (sur le tout). In letzterem Falle heißt der Hauptschild auch Rück- oder Rückenschild.

Es können natürlich auch an andern Stellen als der Herzstelle kleinere Schilde aufgelegt sein, man nennt sie dann Schildlein oder Schildchen und bezeichnet dazu ihren Platz, z.B. „das vordere Ober- und hintere Untereck mit einem Schildchen, darin etc.“ Im k. preuß. Wappen stehen z.B. in der Pfahlstelle vier Schildlein übereinander. Dies kann natürlich nur der Fall sein, wenn der Schild waagerecht in mehr als drei Reihen geteilt ist, in diesem Falle nennt man auch wohl das Schildlein, welches etwas über der Herzstelle, aber nicht im Haupt steht, auf der Bruststelle“ und das über der Fuß-, doch unter der Herzstelle gelegte „auf der Nabelstelle“.

Die Oberfläche des Schildes heißt Feld, area, champ, field, campo, veld, sobald irgendeine Figur darin erscheint. Hat der Schild bloß ein Feld, wie z.B. die meisten alten Wappen, so fällt der Begriff Schild und Feld in der Praxis zusammen, d.h. man kann ebensowohl sagen: er führt in rotem Schilde einen goldenen Löwen, als: er führt in rotem Felde einen goldenen Löwen, Ist die Fläche eines Schildes in mehrere Teile geteilt, deren jeder für sich wieder ein Wappen enthält, so hat jede dieser Unterabteilungen wieder ihr Feld oder ihre Felder, Farben und Figuren. In letzterem Falle pflegt man die Felder der Unterabteilungen auch Plätze zu nennen. z.B. geviertet, im 1. u. 4. Platz eine blaue Schnalle in Gold usw.

Zeigt ein Schild bloß eine Farbe auf seiner Fläche und keine Unterabteilung oder Figur, so kann man von Feld oder Platz dabei nicht sprechen und man pflegt diese Art Schilde Wartschilde, scuta expectationis, tables d’attente, verwachtingsschilden, zu nennen. Mit dem Worte selbst verbindet sich der Begriff, dass dieser Schild oder rsp. der Herr desselben auf ein Wappen warte. Ich kenne von solchen Wartschilden in der deutschen Heraldik nur zwei Beispiele und diese aus ziemlich später Zeit. Als nämlich der pfälzischen Linie des Hauses Wittelsbach im J. 1623 die Kurwürde genommen und an die Linie, Bayern übertragen worden war, ließ die erstere aus dem roten Schildlein den goldenen Reichsapfel, den sie bisher als Zeichen des Erztruchsessenamtes geführt hatte, weg und führte fortan eine Zeit lang diesen roten Schild ganz ledig oder leer, in der Erwartung eines andern Erzamtes und beziehungsweise eines Amtszeichens. Dieser blieb denn auch leer, bis die pfälzische Linie 1758 zum bayerischen Thron gelangte.

Ich halte es der Heraldik, rsp. dem Begriffe eines Wappens zuwiderlaufend, einen ganz leeren Schild für einen Geschlechtsschild erklären zu sollen. Palliot, S.617, sagt allerdings, dass die Grafen von Narbonne einen leeren roten, die Herren von Bourdeaux de Puy-Paulin einen ebensolchen goldenen geführt hätten; ebenso führt Rietstap, S. 77, die v. Bossenstein und die Grafen von Hertenstein als Beispiele lediger Schilde in Deutschland an; allein bei Bossenstein erklärt sich der Irrtum von selbst, und bei Hertenstein (Siebm. III. 19) würde es ebenso leicht nachzuweisen sein, wenn wir wüßten, welche Familie Hertenstein, ob die österreichisch-bayerische oder die schweizerische Familie damit gemeint, oder ob überhaupt der Name richtig geschrieben sei.

Etwas Anderes sind die mit Pelzwerk bemalten Schilde. Diese kann man wohl für richtige Wappen erklären, auch wenn sie außerdem keine Figur enthielten, da die Pelzwerke durch zweierlei Farben sowohl, als durch die bestimmten Konturen jeder einzelnen Farbe das Bild eines Feldes und einer Figur bieten können. So sind z.B. die Schilde der Marschalken von Pappenheim, Bibrach, Dornsberg u.a. mit Fehwerk bemalte Schilde, z.B. IX. 70, 72, 76, 78, 80, 86 ff., weder Wartschilde noch ledige Schilde zu nennen. Ebenso ist der Schild der v. Bolkenstorff, welcher gleich dem Schilde der Herren v. Bretagne bloß mit Hermelin überzogen ist, kein lediger oder Wartschild, sondern ein richtiges Wappen. Eine gültige Art Wartschilde sind die leeren Schilde oder Schildeshälften, welche manchmal von Damen geführt werden und worüber Weiteres bei den Allianzen und der Wappenvereinigung im II. Teile dieses Buches folgen wird.

Ich komme nun zur Stellung der Schilde. Der allgemeine Grundsatz ist, dass das gegebene Wappen, welches für sich allein dasteht, einen senkrecht gestellten Schild habe. Ebenso pflegt man die gestürzten Schilde senkrecht, aber in entgegengesetzter Meinung zu stellen (s. darüber Weiteres im Abschnitt vom „Gebrauch der Wappen“); soll aber das Wappen in irgend einer näheren Beziehung zu einem bestimmten Gegenstande stehen, so ist der Schild nach der Richtung gelehnt, in welcher der fragliche Gegenstand sich befindet. Findet sich z.B. auf einer Gelöbnistafel ein Wappen, so ist es gegen die Hauptfigur der Tafel gewendet; steht ein Grabstein in der Nähe eines Altares, eines Kruzifixes, einer Heiligenfigur usw., so kehrt sich das Wappen gegen diesen Hauptgegenstand. Dasselbe findet bei zwei oder mehreren Schilden und rsp. Wappen statt, welche zu beiden Seiten eines solchen Gemäldes, Altares usw. angebracht sind, d.h. in diesem Falle sehen die Wappen, welche zur Linken stehen, nach Rechts und umgekehrt die zur Rechten nach Links. Die Schilde von Mann und Frau sehen immer gegeneinander, ebenso die Ahnen- oder Ortschilde. Dies ist die alte richtige Regel, welche in neuerer Zeit aus Unverständnis sehr häufig vernachlässigt wurde oder noch wird.

Mit der Stellung des Schildes ändert sich folgerecht auch der Begriff von Vorne und Hinten bei einem Schilde.

Das Vorne ist immer derjenige Seitenrand, welcher dem fraglichen Gegenstande zugekehrt ist und in Folge dessen können und müssen zwei Schilde oder Wappen, welche gegeneinander sehen, auch die Vorderseite einander gegenüber haben. Ebenso steht in jedem Schilde die Figur, so ferne sie überhaupt einer Richtung oder Umkehrung fähig ist (z.B. die Figuren aus dem Tierreich, dann viele Heroldsstücke, wie Schrägteilung, Schrägbalken usw.), gegen die Vorderseite desselben gewendet. Dasselbe gilt auch vom Helme und Kleinode, ja es geht folgerecht in gevierteten Schilden die Zählung und Stellung von 1. und 4. je nach der Richtung des Schildes selbst von rechts oder links oben an. Diese einfachen Regeln wird Jeder, der Wappen aus der älteren Zeit, sei es auf Denkmälern, Siegeln oder in Büchern, aufmerksam betrachtet, hinlänglich bestätigt finden, und man würde kaum glauben, dass es nötig sei, sie noch ausführlich beizubringen, wenn nicht die Erfahrung tagtäglich Sünden gegen diese Regel vor Augen führte. Ich werde Gelegenheit haben, im II. Teile dieses Buches, und zwar in den Kapiteln von den Allianzen, dem Gebrauch der Wappen und der Blasonierung, ausführlicher hierüber zu sprechen, und erwähne hier nur noch, dass Siebmacher in den ersten Bänden seines Wappenbuches diese Regeln alle sehr wohl kannte und befolgte, und dass man bei Betrachtung und Blasonierung seiner Wappen (deren er immer fünf in einer Reihe bringt), bei den beiden rechtsstehenden die linke und bei den linksstehenden die rechte Seite als die Vorderseite annehmen muss, denn nachdem er einmal diese Stellungweise durchgeführt hatte, musste er entsprechend auch die Figuren und Teilungen nach der jeweiligen Richtung umsetzen.

Diejenigen meiner Leser, welche weniger geübt in diesen Dingen sein sollten, verweise ich auf die beiden Wappen Degenfeld und Schmertzing, oben Taf, X. 104 u. 105, und bemerke, dass bei diesen Wappen, soferne sie zusammengehörig betrachtet würden, durch die Stellung eine Allianz von Degenfeld (Mann) und Schmertzing (Frau) heraldisch dargestellt wäre und dass bei 104 die roten Plätze als 1. und 4. die silbernen als 2. u. 3. bei 105 aber die goldene Hälfte als die Vorderseite, und die rote als die Rückseite zu betrachten seien. Würden wir diese beiden Wappen umkehren, so erhielten wir die Stellung wie XXXVI 1347 a u.b, gleichsam eine Allianz von Schmertzing (Mann) und Degenfeld (Frau), und hier ist bei a wieder das goldene Feld vorne und bei b sind die roten Plätze wieder 1. und 4. usw.

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