OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Gattung der Wappen.

Alle Wappen teilen sich in die zwei Hauptarten: Urwappen und Briefwappen. Zu ersteren gehören alle diejenigen heraldischen Produkte- welche mit der Heraldik selbst entstandensind und ihre rechtliche Gültigkeit freiwilliger gegenseitiger Übereinkunft und stillschweigender Anerkennung verdanken. Es zählen daher in diese Klasse alle Wappen des Uradels, der Länder, Städte- Bistümer, Zünfte etc.- die unabhängig von der Erlaubnis eines Dritten gewählt und geführt wurden. Zu den Briefwappen gehören alle diejenigen heraldischen Produkte, welche mittels eines Dokumentes entweder neugeschaffen und verliehen, übertragen oder bloß verbessert und bestätigt worden sind. Die ersten Briefwappen können also nicht älter sein als die Wappenbriefe überhaupt, und diese gehen bisherigen Forschungen nach nicht über die Zeiten König Ludwig VI. zurück. Es ergibt sich aber aus dieser Erklärung von Briefwappen, dass auch Urwappen durch derlei Verbesserungen oder Anerkennungen von oben zu Briefwappen werden konnten. Ob die Übertragung eines Wappens von einem Geschlechte an das andere, im bloßen Privatvertrag- das neuangenommene Wappen zum Briefwappen stempele, getraue ich mir nicht zu entscheiden; jedenfalls konnte dabei die Erlaubnis oder Anerkennung der höchsten Stelle in früheren Zeiten füglich entbehrt werden und wurde auch wohl gar nicht verlangt, Neben diesen Hauptarten der Wappen ergibt sich noch eine andere Einteilung derselben. Ich unterscheide nämlich:

  1. Geschlechtswappen,
  2. Gemeinschaftswappen,
  3. Amtswappen,
  4. Heiratswappen.

Ich weiß wohl – dass die früheren Heraldiker noch weit mehrere Unterabteilungen machen – ich glaube aber, dass alle möglichen heraldischen Produkte sich unter eine dieser vier Klassen einreihen lassen und wird sich der Nachweis hierfür in Folgendem finden.

I. Zu den Geschlechtswappen

gehören alle diejenigen Wappen, welche irgend einer Familie und ihrer stammgenossenen Sippe rechtlich und erblich angehören, mit ihrem Namen und ihrer Geschichte in unzertrennlicher Ideenverbindung stehen, Persönliche Wappen dieser Gattung konnte es meiner Überzeugung nach wenigstens in Deutschland nie geben, weil es mit der ganzen historischen Entwicklung des Adels in unserem Lande in Widerspruch läge. Es konnte allerdings ein oder anderer Edelmann ein Wappen führen, das vor und nach ihm nicht mehr vorkam, wir dürfen aber daraus nicht schließen, dass dies Wappen unter Umständen nicht erblich gewesen wäre und sein konnte. Erst die Neuzeit hat in einigen deutschen Ländern etwas derartiges Abnormes geschaffen, indem sie den rein persönlichen Adelstand und konsequent auch rein persönliche Wappen erschuf, allein wir dürfen diese unorganische, mit der deutschen Adelsidee so wenig harmonierende Schöpfung der Neuzeit nicht als Beweis für die historische Berechtigung persönlicher Adelswappen annehmen, umso weniger, als es sicher ist, dass eine gute Anzahl dieser persönlich Geadelten gar keine Wappen besitzt, was abermals dem Begriffe des Adels widerstreitet.

II. Gemeinschaftswappen.

Diese verbinden mit sich einen Kollektiv- und Repräsentationsbegriff im weiteren Sinne als die Geschlechtswappen. Das geistige Band, welches durch ein Gemeinschaftswappen repräsentiert wird, ist nicht die Blutsverwandtschaft, sondern das Gefühl der Zusammengehörigkeit in politischer oder sozialer Beziehung. Zu dieser Gattung gehören die Wappen der Länder oder Provinzen, der Bistümer, Städte, Zünfte, Gesellschaften und Vereine.

Dass es heutzutage Länderwappen gehe, ist außer Zweifel. Ursprünglich aber gab es keine Länderwappen, denn es ist, wie ich schon an einem anderen Orte erwiesen habe, außer Zweifel, dass unsere jetzigen Länderwappen eigentlich nur die Geschlechtswappen der ersten Herrn dieser Länder waren. So darf man sicher annehmen, dass weitaus die meisten Länderwappen eigentlich Familienwappen seien, und es lässt sich dies z.B. von England, Nassau, Bourbon-Frankreich, Sardinien, Baden, Württemberg usw. unzweifelhaft erweisen. Dies verhindert aber nicht, zuzugestehen, dass für den Fall, dass eine neue Familie zur Herrschaft eines solchen Landes gelangte, sie in der Regel das hergebrachte Landeswappen beibehalten habe, oft sogar ohne ihr eigenes Hauswappen noch hinzuzufügen oder zu gebrauchen. Eine Ausnahme hiervon machen die Freistaaten, insbesondere die Eidgenossenschaft, deren einzelne Kantonwappen mit wenigen Ausnahmen von Anfang an Städtewappen waren (z.B. Bern, Uri, Solothurn usf.) und von diesen auf den Kanton übergingen. Neuenburg hatte bis 1848 den Schild der alten Grafen von Neuenburg, nahm aber in diesem Jahre ein ganz neues Wappen – von Grün, Silber und Rot gespalten, mit einem silbernen Kreuzlein im hintern Obereck – an (décrêt du gouvernement provisoire du Canton de Neufchatel du 12 Avril 1848. Original).

III. Amtswappen

sind solche, welche nur vermöge einer bestimmten Würde von einzelnen Personen geführt werden konnten oder können. Diese Würde kann erblich sein für eine ganze Familie oder nur für je ein Mitglied des Geschlechtes usw., oder sie wird erblich durch die Überkommung des Amtes auch ohne Familienverband.

Zu ersterer Klasse gehören die Wappen der Erz – und Erbämter des heiligen römischen Reiches, z.B. der goldene Reichsapfel in einem roten Schilde, wegen des Erztruchsessenamtes (Pfalz-Bayern), die Reichssturmfahne mit grünem Schwenkel und dem schwarzen Adler in Gold, wegen des Erbbannerherrnamtes (Württemberg), die geschrägten roten Schwerter in schwarz-silber geteiltem Schilde, wegen des Erz- und beziehungsweise Erbmarschalkamtes (Sachsen und Pappenheim). Ein Amtswappen ist ferner die päpstliche Standarte mit den darüber geschrägten Schlüsseln, welche die Herzoge von Parma als Gonfalioneri des Heiligen Stuhles und die venediger Patrizier Rovere als erbliche Stellvertreter derselben im Schilde führten. Auch von fürstlichen und klösterlichen Erbamtswappen sind mehrere bekannt, z.B. der blaue Schild mit den zwei geschrägten silbernen Schwertern, welchen die Thumb von Neuburg als Erbmarschalle von Württemberg führen; ebenso möchte das Wappen der Keller von Schleitheim – in Rot aus goldenem Dreiberg zwei geharnischte Arme, die einen Schlüssel halten – ursprünglich ein Amtswappen gewesen sein, denn die Schleitheim waren von Alters her Erbkeller des Stiftes Reichenau im Bodensee. Manchmal wurde nur eine Figur, nicht ein förmliches Wappen als Amtszeichen geführt, z.B. von den Grafen von Erbach, als Erbschenken des Reiches, welche den goldenen Becher nur auf die Teilungslinie des Schildes setzten.

Auch in England finden sich erbliche Amtswappen, z.B. die drei goldenen Becher in Blau, welche die v. Butler als Erbschenken (chief butler) von Irland noch heutzutage führen.

Als zweite Klasse der Amtswappen will man die Wappen der geistlichen Würdenträger nehmen, z.B. der Bischöfe, Äbte. Dieselben führen aber nur das Wappen ihres Bistums oder Klosters mit oder ohne Verbindung mit dem Familienwappen, und es dürften daher nur die Insignien, Insel, Bischofsttab etc., solche Wappen vielleicht als Amtswappen charakterisieren. Man möchte deshalb besser tagen, es seien derartige Wappen von Amtsinsignien begleitet. Der Schild selbst aber gehört entweder unter die 1. oder 2. Klasse oder unter beide zugleich.

Ob das päpstliche Wappen, welches den Geschlechtsschild des jeweiligen Papstes mit den Zeichen der Würde, Tiara und Schlüsseln, zeigt, auch zu den Amtswappen zu zählen sei, wie die früheren Heraldiker meinen, will ich nicht entscheiden. Es könnte eben sowohl unter die Staatswappen gerechnet werden.

In diese Klasse gehören auch die Wappen der Würdenträger in Frankreich. Altfrankreich, d.h. das bourbonische, hatte eine Menge derartiger Erbämter, z.B. der Konnetable, der Marschalk, der Admiral, der General der Galeeren, der Großmeister des königlichen Hauses, der Großkammerherr usf. Im Ganzen führt Palliot dieser Erbämter dreißig an, welche ihre Würdezeichen oder Amtsinsignien, z.B. Schwerter, Stäbe, Schlüssel, Kannen, Jagdhörner, Messer und Gabel usw. hinter, neben oder unter dem Schilde (nie in demselben) führten, (Vergl. unten bei den Prachtstücken Tafel XXXIV. 1303 u. 1309.)

Auch das napoleonische Frankreich hat diese Sitte teilweise beibehalten, wie denn z.B. der Fürst von Neuenburg (Bertier) als Konnetable die zwei geschrägten blauen Stäbe, der Herzog von Parma, Cambacéres, als Erzkanzler zwei gekrönte silberne Stäbe hinter dem Schild geschrägt führten. Ebenso könnte man Zweifel hegen, ob das Wappen des hl. römischen Reichs selbst (der einfache, später doppelte schwarze Adler im goldenen Schilde) nicht eben sowohl zu den Länderwappen als zu den Amtswappen zu rechnen sei. Von der Zeit an, als die Kaiser anfingen, auf die Brust des Adlers einen Schild mit ihrem Hauswappen zu setzen, konnte man das Reichswappen sicher als Amtswappen bezeichnen.

IV. Heiratswappen

sind solche, welche die Wappen eines Ehepaares zu einem Ganzen vereint zeigen. Es wird also die Allianz der Personen bildlich durch die Allianz ihrer Wappen dargestellt. Die Art und Weise ist verschieden, und geschieht dies entweder in einem oder in zwei Schilden usw. und wird dieser Gegenstand wegen seiner Wichtigkeit in einem Abschnitt des II. Teiles dieses Buches weiter erörtert werden.

Es gibt auch Vereinigungen von Ahnenschilden in einem Schild, diese können aber billig zu den Heiratswappen gezählt werden, da sie die Allianzen des Vaters und der beiden Großväter heraldisch darstellen.

Diese Heiratswappen könnte und kann man unter allen Wappengattungen allein persönlich nennen, da sie zunächst nur die Beteiligten und in concreto die Frau repräsentieren. Die einzelnen Teile eines Heiratswappens sind und bleiben aber Geschlechtswappen.

Außer diesen vier Hauptgattungen von Wappen unterscheiden die früheren Heraldiker noch mehrere andere, z.B. Gedächtniswappen, Anspruchswappen, Erbschaftswappen, Gnadenwappen und Schutzwappen.

Diese lassen sich aber alle unter obige Hauptklassen bringen, denn Gedächtniswappen ist jedes Wappen, insofern es auf den Ursprung der Familie, Stadt, Allianz etc. deutet. Ebenso ist jedes Briefwappen ein Gnadenwappen mit mehr oder minder Gnade oder Auszeichnung durch Verleihung besonderer Bilder ;Erbschaftswappen können in dem Schilde eines Geschlechtes oder einer Gemeinschaft so oft vorkommen, als das Wappen einer neuen Acquisition, beziehungsweise des Geschlechtes oder der Gemeinschaft, welchen dies gehörte, angefallen und aufgenommen worden ist. Was die Anspruchswappen betrifft, so können sie nur Länder- und beziehungsweise Geschlechtswappen sein, und die Bedeutung und Unterscheidung als Anspruchswappen ist lediglich eine innere kritische, keine rein heraldische. Schutzwappen endlich dürften mit Gnadenwappen zusammenfallen, wenn wir nicht ein als schriftliche Salvaguardia angeschlagenes Wappen irgendeines Herrn darunter verstehen wollen. Dies aber betrifft nur den Gebrauch, nicht die Gattung der Wappen. Ich glaube demnach, dass man sich mit den angegebenen vier Hauptarten der Geschlechts-, Gemeinschafts-, Amts- und Heiratswappen, als Alles umfassend begnügen könne.

Ferner lassen sich Wappen noch einmal klassifizieren in redende und nichtredende. Redende, sprechende Wappen, lat. arma loquentia, franz. armes parlantes, engl. Canting coars, ital. armi parlanti, ndd. sprekende Wapens, nennt man die, welche

  1. entweder durch die Aussprache ihrer Bilder mit dem Wortlaut des Namens übereinstimmen, oder
  2. sich mit Hilfe einer künstlichen Interpretation mit einem solchen Namenslaut in geistigen Zusammenhang bringen lassen.

Die erstere Gattung enthält solche Wappen, welche gleich auf den ersten Anblick sprechen, z.B. v. Putterer führen in einem Schrägbalken drei Butterwecken, v. Einsiedel führen einen Einsiedler v. Sperl: auf einem Stock sitzend einen Sperling usw. Hierher gehören auch die meisten Wappen, deren Besitzer in ihren Namen mit Wolf, Müller, Schmidt etc. zusammenhängen. Andere Wappen geben den ganzen Namen sprechend, z.B. Henneberg: eine Henne auf einem Berg stehend; v. Hornstein: ein Horn auf einem Dreifels oder Stein; v. Sternenfels: ein Stern auf einem Felsen; v. Kettenburg: eine Burg, daran ein Mädchen gekettet ist usw.

Zu der zweiten Art von sprechenden Wappen gehören z.B. die Wappen der v. Wächter, v. Markquart, welche beide einen Kranich, Symbol der Wachsamkeit, führen; v. Abel in Württemberg mit einem brennenden Opferaltar als Anspielung auf das Opfer Abels, v. Arand mit zwei Pflugscharen als Anspielung auf das Wort ackern) arare; v. Wucherer init einem wachsenden Mann, welcher Kornähren (Getreidewucher) hält.

Endlich gehören hierher noch diejenigen Wappen, welche nur insofern sprechend sind) als man den örtlichen oder provinziellen Namen ihres Wappenbildes kennt, z.B. v. Thien, mecklenburgisch, im Schild ein Eimer, welcher in jenem Land provinziell Thiene genannt wird; Krecker: zwei Feuerräder prov. Krecker genannt; v.Kettelhodt: drei, 2, 1, Eisenhüte, prov. Kettelhodte genannt; v. Vroff: drei Fische, prov. Proffe, übereinander, v. Magerl: ein halber Bär hält drei Mohnköpfe, welche prov. Magenkolben oder Magerln heißen.

In derselben Weise werden viele nun in Deutschland eingebürgerte Wappen durch die Sprache ihrer Heimat redend, zB.

  • v.Marogna (im Brustschild des Adlers ein Haufen Kästen), ital. maroni, auf einer Mauer liegend;
  • v. Giovanelli: zwei Knaben, ital. giovanelli, in einem Boote fahrend;
  • v. Cabillau: zwei Stockfische, französisch cabillauds, voneinander gekehrt;
  • v. Ciolek: ein schreitender Ochse, polnisch Ciolak, Cielec = ein junges Rind;
  • v. Szoldrski, zum Wappen Grabie: ein Rechen, poln. grabje, auf einem Dreiberg stehend;
  • v. Turnbull: im Schild drei Stierköpfe engl. Bull-heads;
  • v. Cockburn: drei, 2, 1, Hähne, engl. Cocks;
  • la Tour d’Auvergne: mit Lilien besät, darin ein Turm, tour;
  • Lopez: zwei Wölfe, spanisch lobos, am Fuße einer Eiche usw.

Von den entschieden nichtredenden Wappen gibt es eine Unmasse und gehören dazu sehr viele unserer ältesten Geschlechter, darunter sogar solche, deren Namen zur Anspielung Raum gegeben haben würde, z.B. v. Falkenstein (Thüringen) führen eine Mütze) v. Brandis (Tirol) einen Löwen, v. Federspihl (ebendas.) ein Bockshorn usw.

Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass es auf den Wert eines Wappens keinen Einfluß habe, ob es sprechend oder nicht sprechend sei; es lässt sich aber nicht leugnen, dass ein um jeden Preis „redend“ gemachtes Wappen, bei dem die Namensanspielung etwa aure tracta erscheint, jedenfalls besser gar nicht existierte, – Derlei verunglückte Anspielungen sind z.B. der Löwe mit dem Brief im Wappen der v. Berüff. oder der Löwe im Herzschild des freiherrlichen Wappens der v. Leoprechting.

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