OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Quellen der Heraldik.

So unendlich verschieden die Anwendung der Wappen ist, so unendlich viele sind die Quellen der Heraldik. Man kann kaum eine Kirche, einen Leichenacker durchwandern, ohne Wappen zu sehen; man braucht sich nicht viele Mühe zu geben, um an Häusern, Toren, Fenstern, Möbeln, Geräten, an Bedienten, Kutschen, Pferdgeschirren Wappen zu entdecken, man kann kaum in das Zimmer eines Bürgers treten, ohne sogleich „die Familienwappen“ unter Glas und Rahme entdecken zu müssen, man darf nicht ein Dutzend Bilder, Kupferstiche, Holzschnitte oder Bücher durchblättern, ohne auf Wappen zu stoßen, ja es wäre vergebliche Mühe, den Primaner zu suchen, der nicht heimlich oder offen eine Wappensiegelsammlung hätte. Wollte man nun gar alle Münzen, Wappenbücher, Dekorationen u. dgl. noch dazu zählen, so wäre wahrlich den Wappen in unseren Tagen nicht mehr zu entfliehen.

Wenn nun auch behauptet werden kann, dass dem wahren Heraldiker auf seinen Wegen nicht leicht ein Wappen entgehe, so wird er doch in hundert Fällen kaum einmal weitere Notiz davon nehmen, Wie jeden Fachmann, so wird auch ihn nur das Seltene, das Außergewöhnliche interessieren. Alles selten und verewigungswürdig zu finden, ist ein krankhafter Zustand, der baldigst überwunden werden muss, wenn man Ersprießliches zu Wege bringen will.

Es gibt demnach in der Heraldik Quellen, aus denen man Etwas lernen kann, und Quellen von untergeordnetem Range, an denen man sehr häufig nur das lernen kann, was nicht sein sollte. Meiner Erfahrung nach gehören zu den Quellen, aus denen man die Heraldik lernen kann: die Siegel, Denkmäler, Münzen, Fahnen, Stamm- und Wappenbücher, Urkunden heraldisch genealogischen Inhaltes, z.B. Adels- und Wappenbriefe, Sippschaftsbriefe, endlich Gegenstände des Gewerbefleißes – dies Alles jedoch wieder von sehr verschiedenem Werte, je nachdem es in einer Zeit entstand, die mehr oder weniger nahe oder fern dem lebendigen Dasein der echten Heraldik stand. Ich werde diese Quellen einzeln näher ins Auge fassen.

I. Siegel.

Auf den oben gegebenen Begriff von Siegel mich beziehend, bemerke ich, dass es, abgesehen von Stoff und Größe derselben, für den Heraldiker nur dreierlei Siegelgattungen gebe.

Diese sind:

  1. Siegel, welche nur Figuren, z.B. Kaiser, Bischöfe, Heilige, Reiter ohne heraldische Beigabe enthalten, z.B. hier das Siegel des Kapitels zu Passau um 1200 (II. 13.) mit der liegenden Figur des hl. Stephan in einer Tracht, welche Anklänge an die klassisch-römische zeigt, und der Umschrift: + SCS. STEPHAN9 E. THOM… PATRONI CAPLI: PATAVIEN., der Abtei St. Gallen (II. 12.), ungefähr aus dem Jahre 1200, mit der Umschrift; + S. CONVENTUS. MONASTERII. SANCTI. GALLI und der Vorstellung des hl. Gallus, Abtes, wie er sitzend dem vor ihm stehenden Bären ein Brot abnimmt. Derlei Siegel sind für die Heraldik nur insofern brauchbar, als man daraus höchstens die charakteristische Form eines Stuhles, Turmes, Bischofstabes, Schlüssels u. dgl. entnehmen kann.
  2. Siegel, welche neben den Figuren auch heraldische Bilder, z.B. Schilde, Wappenhelme etc. enthalten, z.B. das Siegel der Stadt Ingolstadt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts mit der Umschrift: – SIGILLVM. CIVIVM. DE. INGOLSTAT. Dasselbe (II. 14) enthält im Siegelfeld mit der Umschrift: SANCTUS MAVRICIVS, die Figur des hl. Ritters Moriz stehend, der in der Rechten eine Fahne hält, mit der Linken aber auf den Schild der Stadt Ingolstadt mit dem Panther gestützt ist. Hierher gehört z.B. auch das Siegel des Bischofs Nikodemus von Freising (II. 15), eines geborenen Herrn von Bern oder von der Leiter (de la Scala) vom J. 1440 mit der Umschrift: sigilium. nicodemi. epi. frisigenius. und dem unter einem gotischen Thronhimmel sitzenden Bischof, zu jeder Seite desselben ein Wappenschild, und zwar rechts der von Freising (in Silber ein rotgekrönter Mohrenkopf), links der v.d. Leiter (in Rot eine silberne Leiter). Desgleichen gehören hierher die vielen Reitersiegel, bei denen der Reiter einen Schild mit Wappenbild oder einen Helm mit Kleinod enthält. Ich gebe ein sehr spätes Beispiel von einem Reitersiegel, das des Landgrafen Heffo von Leiningen aus dem J. 1457 (II. 13) mit der links gekehrten Figur des Landgrafen, der einen Spangenhelm mit Decken und dem leiningen’schen Kleinod (Lindenbaum) trägt und den Schild mit den drei Adlern vor die Brust hält. Die Umschrift ist: von. gottes. gnaden. heffe. landgrafe. zu. lyninigen.
  3. Siegel, deren Hauptbild eine heraldische Figur ist oder die ein mehr oder minder vollständiges Wappen enthalten. Diese Siegel sind die eigentlichen Wappensiegel. Da sie bei dem niederen Adel vom 13. Jahrhundert an fast ausschließlich in Gebrauch waren, so geben sie sowohl wegen ihrer Menge als ‘ihres ‘Inhalts “eine der wichtigsten Quellen der Heraldik.

Ich werde nun, das angeführte System beibehaltend, von jeder dieser Gattungen der IV. Reihe ein Beispiel vor Augen legen:

  1. Siegel, welche das Wappenbild allein auf dem Siegelgrunde enthalten, z.B. das Siegel der Stadt Wasserburg am Inn (III. 17) aus dem Jahre 1292 mit der Umschrift: + SIGILLVM. CIVITATIS. (sic). IN. WAZZERBVRHC (sic). Im Siegelfeld der gekrönte wasserburger Löwe (rot in Silber). Ein anderes Beispiel dieser Art ist das Siegel der Stadt Kufstein, Tirol, (III. 20) vom J. 1356. Dasselbe nt rund und hat innerhalb der Umschrift: + S. CIVIUM. IN. CHVFSTAIN. die Wappenbilder (nicht das Wappen) dieser Stadt: aus Wellen hervorragend ein Felsberg, auf dem eine Kufe steht. Das Siegel der Stadt Lindau (III. 18) um 1300 mit der Umschrift: + SIGILLVM: CIVITATIS: LINDAVGENSIS, und einem prachtvollen heraldischen Lindenbanm im Siegelfeld, an dessen Wurzeln (als Ausfüllungsfiguren) zwei Vögel stehen. Ferner das Siegel Rudigers von Manesse (III. 19), züricher Adels aus dem J. 1328, mit dem Ritterschlag und der Umschrift: + S. RVEDGERI. MANESSEN. MILITIS. Ein weiteres Beispiel ist das prachtvoll gearbeitete Siegel der Stadt Rapperswyl am Zürichersee aus dem J. 1380 (lll, 21) mit der Umschrift: + S: CIVITATIS: IN: RAPRESWIL: QVAM: REFORMAVIT: RVDOLFFVS: DVX: AVSTRIE. Das Siegelfeld zeigt die Stadt Rapperswyl mit der Brücke und der Stadt gegenüber einen Turm, aus welchem das Brustbild Herzog Rudolfs von Habsburg hervorwächst. Zwischen beiden ist das vollständige Wappen Österreichs mit Schild, Helm und Kleinod. Auf einer Zinne der Stadtmauer steckt das Fähnlein von Rapperswyl mit den drei Rosen und darüber schwebt ein Zettel mit den Worten NAT9 (natus) DE HABSPG.
  2. Siegel, welche das Wappenbild in einem Schilde enthalten, z.B. das Siegel der Stadt München (III. 22) vom J. 1308 mit der Umschrift: + S. TESTIMONII. CIVITATIS. MONACENSIS. Im Siegelgrunde steht ein Dreieckschild, welcher die Wappenfigur, den Mönch mit übergezogener Gugel, die rechte Hand zum Schwur erhoben, mit der linken Hand ein geschlossenes Buch haltend, zeigt. So das Siegel Herrn Sigmunds von Geroldseck, wasgauer Adels, vom J. 1265 (IV. 23), rund mit dreieckigem mit Schindeln besäten Schilde, darin, ein gekrönter Löwe (rot in Silber, Schindeln blau), und der Umschrift: * S. SIMVNDI. DE. GEROLTESECKE. Hierher gehört auch das Siegel eines Grafen von Oettingen (IV. 27) mit der Umschrift: + SIGILLVM COMITIS. DE. OTINGEH aus dem J. 1220, welches innen einen Schild, kongruierend mit der Siegelform, enthält. Der (blaue) Schild hat eine Einfassung von Eisenhütlein oder Pelzwerk (rot und gold) und darüber gezogen einen (silbernen) Schragen.

    Es gibt auch, viereckige Siegel, welche hierher gerechnet werden müssen, insofern das Siegelfeld selbst eine Schildesform, die viereckige oder Bannerform vorstellen kann. Derartige Siegel sind z.B. das Siegel Rudolfs v. Eberstorff 1311 mit einem Schrägbalken, darin drei Adler (Hanthaler Recensus Tab. XXX), ingleichen des Rudolf v. Lichtenstein 1340 mit einem Schrägbalken (Duellius III. 126. N51).

    Zu dieser Gattung können auch jene Siegel gerechnet werden, bei denen die Form des Siegelfeldes, entsprechend der kongruenten Form des Siegels selbst, die Gestalt eines heraldischen Schildes annimmt, z.B. das dreieckige Siegel ulrichs v. Ramschwag (IV. 28) vom J. 1280 mit der Umschrift: + SIGILLVM ULRICI MILITIS DE RAMENSWACH, welches im dreieckschildigen Siegelgrunde zwei gekrönte vorwärts sehende Löwen übereinander, schreitend darstellt.

  3. Siegel, welche den Wappenhelm oder den Helmschmuck allein enthalten. Derlei Siegel sind z.B. das runde Siegel des Friedrich von Eisenhofen (IV. 26), bayerischen Adels, vom J. 1352, mit der Umschrift: + S. FRIDRICI. AEWSNHOVAERI; im Siegelfeld ein Kübelhelm mit Decke und darauf als Kleinod eine Schafschere. Weiter das Siegel eines von Seon (IV. 25), schweizerischen Adels, aus dem J. 1369, welches einen vorwärtsgekehrten Kübelhelm mit Decken und auf diesem als Kleinod einen Hut zeigt, welcher in eine schlanke Spitze mit Knopf ausgeht. Die Umschrift lautet: +*S* IOHANIS.DE.SEON. Ein Doppelsiegel, das auf beiden Seiten den Kleinodhelm zeigt, ist z.B. das des Johann v. Hoheneck 1391 bei Duellius I. 195. CCLXXIX. Ebenso gehört hierher das Siegel des Ritters Gottfried Müllner, Schweiz (IV. 24), vom J. 1354. Dasselbe ist rund, und hat innerhalb der Umschrift: +S9.GOTFRIEDI.DCI. (dicti) MVLNER, einen Kübelhelm mit Decke und ein Mühlrad als Kleinod. Als Ausfüllungsfiguren sind der nebenangesetzte Vogel und die Dame zu betrachten.
  4. Siegel, welche ein vollständiges Wappen enthalten, z.B. das Siegel des Grafen Johann von Werdenberg und Garganz (IV. 30), aus dem J. 1369, mit dem Wappenschild, Helm und Kleinod der Werdenberge (in Rot eine silberne Kirchenfahne und auf dem Helm eine rote Bischofsmütze mit silbernen Ballen) und der Umschrift: + S. COMITIS. IOHIS. N. W. DEBG. ET. SARGAS; das Siegel des Schenken von Dobera (Böhmen), aus dem J. 1365 (IV. 29), mit der Umschrift: + S. HAENRICI. PINCERNE. DE. DOBRA. Im Siegelfeld ein geschachter Schild (schräggestellt), darauf ein Kübelhelm mit geschachten Hörnern, an denen unten natürliche Ochsenohren sich zeigen. Hierher sind auch die, gleichwohl seltenen, Siegel zu zählen, welche auf der Vorderseite den Helm mit Kleinod, auf der Rückseite aber den Schild, oder umgekehrt, enthalten, z.B. das Siegel eines Wickart 1347 (Duellius II. 183, N. CV), Werner Schenk 1348 (ib. 184. N. CXIII), Nicolai Bedengaet 1360 (ibidem III.127. N. 67), des Johann Grüber 1415 (ib. 128. N. 84), Öfters kommen diejenigen Siegel vor, welche vorne ein ganzes Wappen oder eine Figur, als Gegensiegel aber nur einen Schild enthalten, z.B. von Klosterneuburg 1428 (Hueber, Austria illustrata tab. XXIII. 3), Rüdiger v. Stahrenberg 1439 (ib. XXV. 11 u. XXIX 10). Ebendaselbst auch ein Reitersiegel des Wolfgang von Walsee 1459, welches als Gegensiegel Helm und Kleinod der Walsee zeigt. Bei Duellius I. 194. CCLXII ist ein Siegel Friedrichs v. Walsee hierher bezüglich.

Von eigentlichen Wappensiegeln gibt es geradezu unendlich viele Muster, und ich erwähne hier nur noch, dass für die genaue Bestimmung der heraldischen Formen in gewissen Zeiten auch das Datum der Urkunde, an welcher ein Wappensiegel hängt, von hoher Bedeutung ist; insbesondere sind diejenigen Wappensiegel der genauesten Aufzeichnung wert, welche die Jahreszahl ihres Entstehens in sich tragen, z.B. hier das Siegel Jakobs vom Thurn, bayerischen Adels (IV. 31), mit dem thurn’schen Wappen (im Schild ein Sparren mit drei, 1. 2., Wecken belegt – in Farben: Feld rot, Sparren silber, Wecken schwarz – auf dem Helm ein Rüdenrumpf) und einem Band mit den Worten: Jakob Turner 1448.

Einige Beachtung verdient auch die Farbe der Siegel, rsp. des Wachses, Lackes usw., indem uns deren sehr verschiedene begegnen. Die meisten Siegel des niederen Adels sind bis Mitte des 14. Jahrhunderts braun oder grau, später grün bis etwa zum Ende des 16. Jahrhunderts und dann rot. Ausnahmen davon sind bis zu dieser Zeit selten und haben irgendeinen sichern Grund, obwohl man von mancher Seite darauf Nichts halten will. Gewiss ist, dass vom 14. bis 16. Jahrhundert Beispiele von Verleihung des Vorrechtes, mit rotem Wachs zu siegeln, genug vorhanden sind. So lange aber irgendetwas ein Vorrecht ist, kann sich nicht Jeder desselben bedienen.

Es ist wohl mehr als bloßer Zufall, dass z.B. an einem Familienvertrag vom 5. April 1601 die beteiligten Glieder in ganz verschiedenen Farben siegeln, nämlich:

  • Hans Sigmund Nothaft von Wernberg siegelt schwarz ;
  • Kristof Ulrich Elsenhamer zu Wolnzach siegelt rot;
  • Alexander Reisacher zum Schielhof und Kirchdorf siegelt braun;
  • Sigmund Freiherr zum Thurn siegelt rot;
  • Karl Khärgl zu Furth und Siespach siegelt rot;
  • Kriftof von Seyboltsdorf siegelt grün;
  • Eiriacus von Preysing -Offenstetten siegelt rot und ebenso der fürstlich bayerische Rath Dr. Leonhard Zindeckher.

Von diesen Geschlechtern gehörten die Reisacher, Kärgl, Elsenhamer nicht zum Turnieradel, während die Seyboltsdorf ebenso gut als die Nothaft und Thurn dazu gezählt wurden, der Doktor Zindeckher gehörte aber gar nicht zum Adel, und es lässt sich die verschiedenfarbige Siegelfertigung wohl nicht anders erklären, als dass (wie wir von Thurn gewiss wissen) eben ein Privilegium, rot zu siegeln, bei den einzelnen Familien bestanden habe oder angemaßt worden sei.

Zweierlei Farben an einem Siegel kommen ebenfalls vor, z.B. auf einem Reitersiegel des Grafen Eduard von Savoyen vom J. 1324, wo das Hauptsiegel in grünem, das Rücksiegel in rotem Wachs sich zeigt.

Andere Farben als die bezeichneten finden sich selten. Ein ganz weißes altes Siegel habe ich noch nicht gesehen, obwohl es deren geben soll, dagegen habe ich blaue Wachssiegel gesehen, und Melly gibt den Wappenbrief des Marktes Mödling vom 24. Januar 1458, in welchem diesem Markte auch erlaubt wird, „Sigel vnd Bedtschaden mit plobem Wachs“ zu geben.

Bei Benutzung der Siegel als Quellen der Heraldik muss es vor Allem wünschenswert bleiben, womöglich solche Siegel beizubringen, welche noch an ihren betreffenden Briefen hängen. Es kann aber auch unter allen Umständen nur zu empfehlen sein, bei solcher Gelegenheit die Urkunde selbst durchzulesen, namentlich diejenigen Stellen, in welchen von den Ausstellern und Siegelfertigern, Zeugen usw. die Rede ist, sich genau zu besehen. Allerdings wird dem Geübten unter hunderten von Urkunden kaum eine etwas Auffallendes, Bemerkenswertes in dieser Beziehung bieten, aber wenn dieser Fall dennoch eintritt, so ist die Mühe gut gelohnt. Ein Beispiel, dessen Merkwürdigkeit in dieser Beziehung wohl kaum übertroffen werden wird, gibt uns eine Urkunde des Klosters Gars vom 21. Januar 1375 , in welcher Thomas der Leuzendorfer seine Ansprüche auf ein Gut zu Wolfsegg seinem Bruder Albrecht Lenzendorfer, Propst zu Gars, überlässt. Am Ende des Briefes steht wörtlich folgende Siegelfertigung:

„versiegelten mit meins obgenanten Tomas des Leuzendorffr Insiegel darauf jetz und gegraben ist Thomas Schenckh ob ich das fürbas vercherät und darauf grub mit rechten Zunamen Leuzendorfer das fol in an (ohne) schaden sein.“

Aus der Urkunde selbst geht Nichts weiter hervor, aber es scheint, dass das Siegel ursprünglich seinem Stiefvater angehört und er es von ihm geerbt habe. Wer würde nun aus diesem Siegel, wenn er nur die Umschrift ohne die Urkunde selbst las, den wahren Namen des Sieglers gefunden haben, und wäre man nicht berechtigt, ohne den Wortlaut des Briefes zu kennen, an eine absichtliche Fälschung zu glauben?

Eine andere für die Heraldik außerordentlich wichtige Urkunde, deren Original ich im kgl. Hausarchiv zu München befindet, gebe ich in nachfolgendem Auszug. Ich werde weiter unten noch näher darauf zurück kommen, und bemerke hier nur, dass der Brief selbst, obwohl weder Wappen- noch Adelsbrief, dennoch vorherrschend heraldischen Inhaltes sei.

„Heinrich v.g.g. Pfalzgrave zu Reyn vnd Herczog in Bayern veriehen……. daz ez dar zu chom daz der Erfam herre Erzbischof Friedrich von Salzburch …… an ainem tail und der edel man Friedrich von Torring an dem andern tail gingen hinder di erbergen Läut Wernher den Grans, Ruegern von Radekk, Ekkarten von Laybentz, Heinrich von Seiboltsdorf und Heinrich von Lainpoting, aller der chrieg die zwischen in waren…. und da di selben erbärg laüt woldn darüber sprechen, do chom dar under ain stos, daz der Torringer verlos sein altes Insigel, dar an was engraben sein schilt ond gab her für ain neues Insigel da sien Helm was engraben, das wolt der Erzbischof ….. nicht für vol nemen wir gäben dann darüber vnfer haut veft, daz im ond seinem goßhaws di Andrang des Insigels unschedlich wär gegen dem Toringr ond gegen sinen erben ….. daromb habn wir, dazfelb new Insigl bestätigt ….. und gebn darübr diesen brief verstgelten ….. das ist gebn ze Purchhousen dreyzenhundert Jar und darnach in dem acht und zwaintzigistn Jar an sand Barnabstag.“

Unter Berücksichtigung aller Einzelheiten und Merkmale nun sind Siegel eine der hervorragendsten, sichersten Quellen der Heraldik, aber es muss noch hinzugefügt werden, dass die Brauchbarkeit und der Wert der Siegel als Quellen abnimmt, je weiter ihr Ursprung von den echt heraldischen Zeiten sich entfernt. Sehr selten ist ein Siegel des 17. und 18. Jahrhunderts seinen Formen nach, noch seltener aber seiner inneren Zusammenstellung halber von Bedeutung. Die Willkür der Wappenherren und Siegelstecher nahm in demselben Verhältnis zu, als das Verständnis der wahren Heraldik abnahm. Man darf mit dem Ende des 16. Jahrhunderts getrost aufhören, Siegel als Quellen der Heraldik zu sammeln, denn man wird kaum unter tausenden eines treffen, das sich Aufhebens wert zeigte. Nur bei fürstlichen Siegeln lässt sich längere Zeit eine gewisse Solidität des Stiles und der Arbeit herausfinden, und es finden sich noch im 18. Jahrhundert derartige Siegel, die gut genannt werden können, so z.B. ein Siegel Kaiser Josef’s II., das im inneren Reif der Krone den Namen des Künstlers und das Datum der Arbeit: B. Schega. MDCCLXV enthält. In der Regel sind aber unsere Sammlungen von modernen Siegeln kaum mehr als Siegellacksammlungen. Die nächst wichtigsten Quellen der Heraldik sind:

II. Denkmäler,

d.h. Produkte der Kunst zur Verewigung irgendeines Ereignisses, z.B. Grabsteine, Grenzsäulen, Totenschilde, Erinnerungstafeln an den Bau irgendeines Hauses, einer Kirche, Brücke etc. Auf diesen Denkmälern findet sich vom Ende des 12. Jahrhunderts an nicht selten, vom Ende des 13. Jahrhunderts an aber sehr häufig das Wappen des betreffenden Toten oder des Bauherrn, Nachbarn usw.

Weitaus die meisten dieser Denkmäler enthalten eine Jahreszahl und sind mit dieser Jahreszahl gleichzeitig, dennoch aber darf man nicht bona, fide Alles für bare Münze nehmen, denn nicht selten sind derartige Denkmäler erst hundert und mehr Jahre später, als die Jahreszahl besagt, ausgeführt worden. So sind z.B. in sehr vielen bayerischen Klöstern, wie Ebersberg, Rott, Attl, Seeon u.a. zu Ende des 15. Jahrhunderts Grabsteine der Stifter mit Trachten, Inschriften, Jahreszahlen usf. gefertigt worden, welche der damaligen Zeit eigen und dem Zeitalter der Stifter selbst nicht eigen waren. Mit welcher Gläubigkeit werden nicht in den Monumentis boicis diese und derlei Denkmäler als die ächten alten Grabsteine der Stifter abgebildet und erklärt! Mit welcher Sicherheit erzählt nicht Wiguläus Hund, ein sonst gelehrter Mann, voce Hertzhauser: „Dieser Gottfried Hertzhauser hat ein gar alten Stein in der Mauer zu Unterstorff, darauf steht Herr Gottfried Ritter + Anno 1172. Der Schild wie Auer von Brennberg, aber ein anderes helmklainot, nämlich auf dem helm aine Kron, darin zwey rote Hörner“ usf. Welcher Heraldiker wird nicht mit Erstaunen die Beschreibung eines so alten Grabsteines, mit einem Wappen des niederen Adels, mit gekröntem Helm usw. lesen, und nicht vor Eifer brennen, dies merkwürdige Stück zu sehen? So war’s auch mir. Mit unbeschretblicher Ungeduld legte ich die 4 Meilen von München nach Inderstorf zurück, stürzte sogleich in den alten Kreuzgang und fand dort wirklich den gesuchten Stein. Wie ward aber meine Einbildung zu Schanden, als ich auf diesem Stein ein Wappen im Stile der letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts (allerdings prachtvoll gearbeitet) fand, und dabei auf dem Steine wörtlich las: „Da.ligt.begraben. H. Gotfrid. || von. Hertzhausen. Ritter. Vn. in || ist. Gstorben. Anno Dvi. m. || r.l. rrii. Dem. Got. Gnad.“

Das hatte der gute Hund an mir verschuldet, und ich muss gestehen, ich konnte seit jener Zeit kein rechtes Zutrauen zu seinen Beschreibungen und Angaben von Denkmälern mehr fassen. Hund war aber um zweihundert Jahre näher an der alten Heraldik als die Herausgeber der Mon. boica, wie sollte man also diesen einen derartigen Verstoß zum Übel rechnen! Hat man ja doch noch vor 25 Jahren in München historische Wandgemälde angebracht, an denen eben gerade die kunsthistorische Seite, Trachten, Möbel, Waffen usw. die schwächste ist.

Abgesehen nun von derartigen „Missverständnissen“, welche jedoch von Seite eines Kenners bei selbst eigener Anschauung des Originales unmöglich werden dürften, bietet diese Gattung von Denkmälern eine der vorzüglichsten Quellen der Heraldik. Wir besitzen davon in Süddeutschland, namentlich in Gegenden, die von den Schweden nicht verheert wurden, z.B. in Tirol, in Bayern jenseits des Inns, im Salzburgischen eine solche Menge der interessantesten Denkmäler in Kirchen und in Kreuzgängen jetziger und ehemaliger Klöster, dass der Born der Forschung aus denselben geradezu unerschöpflich genannt werden muss. Aber nicht bloß für die künstlerische Seite der Heraldik finden wir in diesen Denkmälern die reichste Fülle von Mustern aller Jahrhunderte, auch für die Regeln der Heraldik, für die Gattungen, die Vereinigung und den Gebrauch der Wappen und Wappenbilder, der Ahnenschilde, der gestürzten Wappen usw. lassen sich die interessantesten Beispiele ausziehen.

Zu den eigentlichen Denkmälern können noch die alten Glasgemälde und die Totenschilde gerechnet werden; letztere, meist aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammend, sind entweder aus Holz geschnitzt und bemalt, oder bloß flach gemalt, und enthalten das Wappen des Verstorbenen mit einer Umschrift, welche Namen und Todestag gleich Grabsteinen enthält. Sehr schöne geschnitzte derartige Scheiben, auf welchen vollständige Wappen mit Helmen und Decken etc. sich zeigen, sind oder waren vielmehr in unterer Frauenkirche dahier zu sehen; desgleichen enthält die Frauenkirche zu Nürnberg, der Dom zu Würzburg und die Bartholomäuskirche in Frankfurt geschnitzte Totenschilde; an letzterem Ort haben die Helme keine Decken. Gemalte Totenschilde finden sich in vielen Kirchen Nürnbergs; auch in Altbayern war diese Sitte der flach gemalten Totenschilde bekannt, wie die vielen derartigen Schilde der Familie v. Bart in Petenbach beweisen können.

An heraldischen Glasgemälden sind die Kirchen in Nürnberg, der Dom in Regensburg, die Kapelle in Blutenburg, der Nonnberg in Salzburg, die Kirche zu Gauting usw. sowie auch die Sammlung des bayerischen Nationalmuseums sehr reich. Die Kirchen in England sind wegen ihrer alten stained glasses bekannt, und namentlich besitzt die Kathedrale zu York einen Reichtum davon.

III. Urkunden

sind sehr häufig gute Quellen der Heraldik, darunter sind die Wappen- und Adelsbriefe bis Ende des 15. Jahrhunderts die brauchbarsten. Nach dem Schluss des 16. Jahrhunderts ist aus diesen Briefen wenig Gutes mehr zu ziehen, da der Stil der Zeichnungen und die Blasonierung allmählich schlechter werden, abgesehen von den vielen direkten Verstößen gegen das Wesen und die Wahrhaftigkeit der Heraldik. Aber auch andere Urkunden, z.B. genealogischen Inhalts, können entweder durch den Wortlaut selbst oder durch Zusammenhalt desselben mit den anhängenden Siegeln und andern Denkmälern für die Heraldik von hohem Werte werden. Der innere Zusammenhang der Genealogie und Heraldik ist für den Kenner ohnedies festgestellt, und ein wahrer Genealogist wird sich den Namen eines Geschlechtes nie ohne eine Vergegenwärtigung des betreffenden Wappens vorführen, ebenso wie der wahre Heraldiker sich kein Wappen wird vergegenwärtigen können, ohne nicht zugleich an den Namen des Wappenherrn zu denken.

Ein Wappen, dessen Namen nicht bekannt ist, kann höchstens einen kunstgeschichtlichen Wert haben, und eine Genealogie, bei der die Identität des Schildes und der Familie nicht durch alle Generationen erwiesen ist, hat gleichfalls keinen praktischen Wert. Der Mangel an hinreichenden heraldischen Kenntnissen hat schon manchen Genealogen verleitet, eine Stammreihe bloß der Namensähnlichkeit wegen für konstatiert zu halten und zu erklären.

Sippschaftsbriefe geben nicht selten den besten Aufschluss, warum verschiedene Geschlechter gleiche Wappen führen. So z.B. gibt Eberhard von Widersperch 1323 seinem lieben Oheim Herrn Ott von Greiffenberg und dessen Erben seinen Schild, Helm und Kleinod gar und gänzlich, „wann (dieweil) er vnd syn erben von rechter Syppe vnd Erbschaft meinen Schildt vnd helm billich fürent“.

Es werden demnach Urkunden, ohne geradezu heraldischen Inhalts zu sein, dennoch sehr häufig für die Heraldik gute Dienste leisten, wenn sie mit andern sichern oder zweifelhaften Angaben zusammen gehalten werden.

Aber nicht bloß spezifische Urkunden geben Quellen der Heraldik ab, sondern auch weitergehende und umfassendere Chroniken, namentlich wenn darin Beschreibung von fürstlichen und adligen Hochzeiten, Turnieren, Fastnachtsrennen, Leichenbegängnissen, Schlachten, Fehden, Krönungen, Reichstagen usw. ausführlicher gesprochen wird, weil dabei gar viel von Wappenrecht und Brauch zu finden ist.

Ältere Familienchroniken verdienen besondere Beachtung. Wegen der vielen Fabeln über den Ursprung der Familien können aber derartige Produkte aus dem 17. und 18. Jahrhundert kaum mehr in Anschlag gebracht werden. Erst in neuester Zeit hat man wieder angefangen, gründlich zu Werke zu gehen und den Tribut der Eitelkeit in diesem Betreff zu schmälern begonnen.

Für ältere Blasonierung sind die Gedichte der Minnesänger, Suwenwirth’s u.a., auf die ich in dem betreffenden Abschnitt zurückkommen werde, von besonderem Interesse.

Überhaupt lässt sich aus geschriebenen und gedruckten Urkunden für unseren Zweck sehr viel entnehmen, es erfordert aber die richtige Benutzung dieser Stoffe womöglich noch mehr Kritik, als die Ausbeutung bildlicher Denkmäler.

Ich rechne zu den heraldischen Urkunden weiter die sogenannten Stammbücher, welche von Mitte des 16. bis Ende des 17. Jahrhunderts Mode waren. Sie enthalten die Wappen, Namensunterschriften und Zeitangaben der Verwandten, Freunde und Studiengenossen des betreffenden Besitzers, und geben insofern authentica. Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass trotz der eigenhändigen Unterschrift eines Wappenherrn nicht selten die betreffenden Wappen mancherlei Unrichtigkeit enthalten, und hieran mag wohl die fabrikmäßige Anfertigung dieser Wappen durch die Künstler selbst Schuld tragen. Derartige Wappenmaler hielten sich an den Hochschulen, bei den Reichstagen etc. und wo überhaupt Erwerb zu hoffen war, auf und malten schnell und praktisch, nicht immer aber ganz gewissenhaft die verlangten Wappen in die vorgelegten Bücher. So war z.B. Marx Kol 1587 im Bad Liebenzell als Wappenmaler, und Israel Element in derselben Weise beim Reichstag zu Regensburg 1663-95, wie ich aus ihren Unterschriften in mehreren Originalstammbüchern entnommen habe. Im vorigen Jahrhundert verschwindet der Gebrauch dieser Stammbücher gänzlich und erst in der neuesten Zeit hat der Adel wieder angefangen, dieser Sitte zu huldigen.

Noch eine Art heraldischer Urkunden sind die sogenannten Proben oder Ahnentafeln zum Zwecke des Nachweises adeliger Abstammung eines Impetranten auf eine bestimmte Anzahl Generationen.

Da es Domstifte, Orden usw. gibt und gab, bei welchen die sogenannte Aufschwörung mit 4, 8, 16. 32, 64 Ahnen notwendig war und ist, so hat man sich seit der Zeit der Einführung dieser Proben zu Anfang des 16. Jahrhunderts vielseitig auf solche Aufschwörungen als unleugbaren Beweis des alten Adels oder Uradels verlegt und berufen. Bei derartigen Ahnentafeln werden jedesmal die Wappen der Ahnen beigesetzt und insofern können Ahnenproben auch als Quellen der Heraldik gelten. In der großen Mehrzahl dieser Produkte aber, soweit ich deren in Händen gehabt, ist die heraldische Genauigkeit, wohl auch Ungenauigkeit, ins Peinliche getrieben. Man sehe, um gedruckte Beispiele zu haben, u.a. nur die Kalender des St. Georgenordens aus dem vorigen Jahrhundert, rsp. die darin enthaltenen Kupferstiche der aufgeschwornen Wappen mit ihren schwulstigen unverstandenen Figuren und Attributen an, und man wird sich von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt halten. Das Glänzendste in dieser Beziehung haben jedenfalls die alten Ordensproben, beziehungsweise die Belege zu selben geliefert. Wenn man derlei Atteste liest, die gewöhnlich unter dem größeren Insiegel eines Ritterkantons und vier adeligen Ritterrats siegeln ausgestellt wurden, so möchte man zuweilen an der Zurechnungsfähigkeit der Siegler zweifeln. Ich habe ein Attest der „Ohnmittelbaren freyen Reichs-Ritterschaft in Schwaben Orths am Kocher“ dd. Eßlingen 26. Mai 1769 vor mir liegen, in welchem mit fünf Siegeln und vier Unterschriften „auf beschechenes Ansuchen bei adelichen wahren Ehren, Treu und Glauben“ bestätigt wird, „es sei aus glaubwürdigen ohnverwerflichen Zeugnussen erwiesen, dass die chur- auch herzogliche Familie derer Churfürsten in Bayern und Pfalzgrafen am Rhein usw. vor ein altes Ritter-Stüfft und turniermässiges Geschlecht jederzeit geachtet und gehalten worden auch würklich noch davor gehalten und erkannt werde“ -. Wie viel Ehre für das Haus Wittelsbach!

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