OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Von Erkennungszeichen, Sinnbildern, Wahlsprüchen und Rufen.

Die obgenannten heraldischen Produkte sind zwar, mit Ausnahme der Wahlsprüche, unserer deutschen Wappenkunst ziemlich ferne geblieben, ja man darf ein Dutzend deutsche Lehrschriften dieses Faches durchgehen, ohne nur überhaupt von deren Existenz Etwas erfahren zu können, nichtsdestominder sehe ich mich veranlaßt, in diesem Buche auch ein Kapitel hierüber einzuschieben . Die englische, französische, spanische und italienische Heraldik erkennt unter der Bezeichnung badge, devise, motto und cri verschiedene, zugleich mit den Wappen geführte Bilder und Sprüche.

Badges oder Erkennungszeichen, cognizances, connaissances, sind der englischen Heraldik eigentümliche Zugaben zu den Wappen des königlichen Hauses und des höheren Adels überhaupt. Die englischen Heraldiker gestehen selbst, dass der Unterschied zwischen Badge und Device, Sinnbild, schwer einzuhalten sei . Ich lasse deshalb die Erklärung, welche Planché S. 179 von badge gibt, hier folgen:

„Badge oder cognizance war ursprünglich eine Figur, entnommen aus dem Wappen einer Familie oder ganz unabhängig von demselben gewählt mit irgend einer entfernten Anspielung auf den Namen, den Besitz oder das Amt des Eigners, und während das Banner, der Schild, der Waffenrock des Ritters und der Rock seines Herolds das vollständige Wappen trug, glänzte die badge in der Fahne, im Wimpel, auf dem Ärmel, Rücken oder der Brust des Söldners, des Hausgenossen oder Dieners, zuweilen, wenn nicht der ganze Anzug in den Wappenfarben gemacht war, nur auf einem besonderen Platze in diesen Farben; in späteren Zeiten wurde die badge in Metall gegraben oder getrieben einfach am Arm befestigt, wie wir dies heutzutage ähnlich noch bei Feuerleuten, Wasserträgern und Postknechten sehen.“

Die Bezeichnung cognizance kommt schon im 12. Jahrhundert vor, denn ein damaliger englischer Dichter, Ware, der um 1150 schrieb, sagt von den Normannen: „They had shields on their necks und lances in their hands und all had made cognizances, that one Norman might know another by, und that none others bore“ (a.a.O. S. 17).

Hieraus könnte man auch schließen, dass Badges älter als eigentliche bewappnete Schilde seien, weil sich die Normannen nicht an ihren Schilden, sondern an ihren Erkennungszeichen (cognizances) unterschieden. Was nun die Badges insbesondere betrifft, so haben die Glieder des Königshauses in England deren in allen möglichen Abweichungen, manchmal sogar mit willkürlichem Wechsel geführt.

Die Badge, in Verbindung mit dem Wappen erscheinend, wird in der Regel schwebend neben oder auch über demselben, zuweilen allein, zuweilen verdoppelt angebracht . Die Figuren selbst sind äusserst mannigfaltig wie die Wappenbilder selbst. Es finden sich Tiere und Teile derselben in allen Stellungen, Blumen, Gerätschaften, Kleidungsstücke, Knoten und Schlingen .

Zu den bekanntesten Badges der englischen Heraldik gehören die weiße Rose des Hauses York (XXXIV. 1264) und die rote Rose des Hauses Lancaster (1265), welche beide Zweige eines Stammes waren, aber einen dreißigjährigen blutigen Kampf gegeneinander führten, der mit dem Untergange beider Häuser (1485) endete. Das Haus Tudor, dessen erster König Heinrich VII. die letzte York heiratete, nahm als Badge die sogenannte Tudor-Rose an, welche von R. u. S. geviertet ist (1266), öfters aber auch als gefüllte Rose, außen r., innen s. erscheint (1267). Mit dieser Rose finden sich in den Staatssiegeln der englischen Könige und Königinnen öfters die ganzen Rückfelder besät , und ebenso findet sie sich als Glied in der Hosenbandordenskette, Auf dem großen Münzsiegel K. Heinrichs, welches dem Friedensvertrag von 1527 angehängt ist, findet sich die Tudorrose sogar in einem Schild zu Füßen des Thrones .

Bekannt ist ferner die Badge des Prinzen von Wales: eine bis drei Straußenfedern durch einen Zettel gesteckt, auf dem die deutschen Worte: ich dien stehen (1273). Diese Badge stammt vom „schwarzen Prinzen“, welcher sie führte und in seinem Testament von 1376 in Betreff seines Grabmales u.a. bestimmt : „Around our tomb shall be placed twelve lantern escutcheons each a foot high in six of which should be our entire arme und in the six others ostrich feathers, und an effigy of our Selves etc.“ (Vgl. oben S. 118).

Ich habe in meinem Wappenwerk bei „England“ eine Reihe von Badges angeführt und bringe zu deren Ergänzung hier noch einige andere aus den Werken von Montagu und Planche bei.

XXXIV.

  • 1274: Lord Grey v. Codnor, eine Spange durch eine g. Krone gesteckt und innerhalb des Kreises ein s. Dachs (gray)
  • 1275: Sir John Radcliff (Fitzwalter), ein s. Armband,
  • 1268, 69, 70, 76 und 77 sind fünf Badges König Richard II. und seiner Gemahlin Anna.

Außerdem folgen noch ein paar Schlingen oder Knoten, welche in ihrer charakteristischen Form nach bestimmten Familien, die sie als Badge gebrauchten, benannt sind, z.B.

  • 1278: Bourchier’s Knoten;
  • 1271: Heneage’s Knoten mit der Unterschrift: fast . tho . united;
  • 1280: Wake’s und Ormond’s Knoten und
  • 1279 (eigentlich ein Teil eines Gitters, (fretté): Harrington’s Knoten.

Bereinigung der Badges zweier Familien geben die nachfolgenden Beispiele,

  • 1281: Badge der Dacres, die Muschel der Dacres und der Ast der Nevil miteinander durch eine Schlinge verbunden.
  • Dann 1282: die Badge des Lord Hastings, zusammen gesetzt aus der Sichel der Hungerford und der Garbe der Peverell.

Zunächst der Badge steht die Devise, und da nach Einiger Meinung eine Devise ohne Worte oder Buchstaben nicht bestehen kann, so wären auch diejenigen Badges, welche neben dem Bilde noch Worte enthalten, z.B. 1271, zweifelhaft in ihrer Einreihung.

Die Devise des Grafen Amadeus von Savoien war eine Schleife oder ein Knoten (1272). Dieses Bild wendete er häufig auf den Pferdedecken und auch bei Kleidern seiner Diener an, nicht minder finden wir es in Siegeln zu beiden Seiten des Wappens. Die Hofrechnung gedachten Grafens gibt hierüber interessante Details, So z.B. heißt es 1354: „Item pictori pro CCXXXX nudis ad deuisam domini depictis ab utraque parte etc.“ (Cibrario p. 63 sqq.) Aus solchen Schleifen setzte der Graf auch die Halskette des von ihm 1362 gestifteten Ordens der Verkündigung zusammen. 1376 ließ sich der Graf sogar eine solche Kette „ad nodos“ aus vergoldetem Silber zu Paris fertigen. – Sein Sohn Amadeus VII. hatte neben den Knoten noch eine andere Devise – einen Falken -, die er ebenso oft und verschieden anwendete, wie es z.B. in der Rechnung von 1390 heißt: „C falconum tam de auro quam de argento et sirico factis pro ponendo super aupillandis viridibus librate domini.» — Librata hieß das Geschenk, das der Graf von Savoien jährlich seinen Rittern und Dienstleuten zu geben pflegte.

Menestrier: „Usage“, S.64, führt als Devise der Medici einen Diamantfingerring an, durch den drei Straußenfedern gesteckt sind, mit der Unterschrift: Semper Adamas in poenis .

Der einzige mir bekannt gewordene Fall, der uns urkundlich den Gebrauch einer Badge oder Devise von einem deutschen Fürsten nachweist, ist von Herzog Ludwig dem Bartigen von Bayern. Derselbe hatte als „Livrée“ oder Badge zwei Figuren, wovon die eine auf einem Strahlenglanz liegend einen gekrönten Spiegel, die andere auch einen Strahlenglanz und darauf einen Ast, auf dem ein Rabe mit Ring im Schnabel sitzt, zeigt. Diese beiden Stücke, hier 1283 u. 84, finden sich auf mehreren großen Gedenksteinen, die dieser Herzog in seinen Städten setzen ließ, zugleich mit dem Wappen in der Weise, dass der ganze Hintergrund teppichartig damit besät ist. Herzog Ludwig war jung, an den Hof König Karls von Frankreich zu seiner Schwester, der Königin Isabeau, gekommen und dort mit den Sitten und Untugenden des französischen Hofes bekannt geworden. Sein Schwager belehnte ihn sogar mit der Grafschaft Mortaine daselbst, von der Ludwig sich auch nach seiner Rückkehr in Bayern noch schrieb ; seine Badge oder Devise benennt er selbst in seinem Testamente dd. Regensburg 4. Juli 1429, indem er befiehlt, dass auf seinem Grabsteine er selbst gewappnet mit seinem Schild, Helm und Panner dargestellt, und „auch vnser libery den spiegel (und) sant Oswalds Rab sunst darauf gestreut“. So ist es denn auch auf dem Modell des Grabsteines, das noch zu Lebzeiten des Herzogs gemacht wurde und jetzt im Nationalmuseum in München aufbewahrt wird, zu sehen .

Ich komme nun zu denjenigen Devisen, welche in Worten oder einzelnen Buchstaben oft die Wappen begleiten, und die teils rätselhaft und rebusartig, teils offen und klar sich zeigen. Der Unterschied zwischen einer Wortdevise, einem Motto und einem Wahlspruch möchte schwer festzuhalten sein, wenn man nicht der Aufstellung huldigen will, dass eine eigentliche Wortdevise nur in Abkürzungen, also in einzelnen Buchstaben oder Chiffren, ein Motto oder Wahlspruch aber vollständig ausgeschrieben sein solle.

Buchstabendevisen tragen daher immer etwas Rätselhaftes an sich. So ist z.B. die Wortdevise des Hauses Savoien: F.E.R.T. mit Bezug auf verschiedene Vorkommnisse in dieser Familie manchmal als Fortitudo Ejus Rhodum Tenuit, ein andermal als Frappez Entrez Rompez Tout, dann wieder als Foedere Et Religione Tenemur, bald aber einfach als Fert erklärt worden .

Diese Devisen als Ausfluss persönlicher Laune sind insbesondere im 16. u. 17. Jahrhundert Mode gewesen und man kann deren neben dem eigentlichen Wahlspruch oder Motto in den Stammbüchern jener Zeit ungemein häufig bei den Wappen finden. Viele derselben lassen sich leiht in Worten geben, z.B. das oft wiederkehrende W.G.W , G.W.S. (Gott walt’ sein) oder W.D.W. (Wie du willst). Andere sind weniger klar, z.B. I.E.M.I. — O.P.S. — G.G.A. — G.E.C. — W.L.D. — A.D.E.W.— S.I.D. — D.S.S. oder R.L.E.

Andere sind wieder reine Chiffren, z.B.

  • 1285: über dem Wappen eines Ludwig Sauer von Khessig v. J. 1586, und
  • 1287: bei einem Kollaus v. J. 1573.

Manchmal ist noch eine bildliche Figur damit verbunden, welche zur Erklärung der Devise dienen soll, z.B. bei einem Wappen Alexander’s v. Jarftorff 1565 wie hier 1286, oder: H.R.M. (ein gemaltes Herz) N.D.W. über dem Wappen einer v. Closen 1636.

Die eigentlichen Wahlsprüche, Wappensprüche, Sinnsprüche sind kurze Sentenzen, welche man gewöhnlich auf fliegenden Zetteln oder auch auf einem Sockel unter dem Wappen, teils auch von den Kleinodfiguren emporgehalten auf Bändern usw. anbringt. Die erstere Art ist die gewöhnlichste. Von letzterer Art finden sich Beispiele fast nur in italienischen Wappen, z.B.

  • der Grafen Straffoldo (Krain), bei welchen auf dem I. u. IV. Helm eine Mohr-in emporwächst, welche über sich ein s. Band mit den Worten: INTIMA CANDENT,
  • bei den Grafen Suarda, ebenda, deren wachsender wilder Mann auf dem I. Helm einen Zettel mit dem Wort NEMO hält usw.

In spanischen Wappen findet man die Devisen auch in Einfassungen um den Schild oder an den Seitenrändern im Schilde selbst, z.B. das AVE MARIA GRATIA PLENA der Mendoza.

Derartige Wahlsprüche pflegen entweder erblich in einer Familie zu bleiben oder nach Belieben und Laune von einzelnen Gliedern derselben gewechselt zu werden. In Diplomen seit dem 17. Jahrhundert hat man Wahlsprüche wohl auch besonders verliehen, es widerspricht dies aber dem eigentlichen Zwecke des Wahlspruches, welcher immerhin, wenn er für ein ganzes Geschlecht und alle seine Nachkommen passen soll, höchst schwierig zu erfinden wäre, außerdem aber in Widerspruch mit den Ansichten späterer Generationen kommen kann und wird. Das mag wohl auch der Grund sein, warum man zu dergleichen Wahlsprüchen häufig moralische Gemeinplätze wählt, welche, wenn sie auch nicht immer auf alle Glieder der Familie passen, doch mindestens passen sollten, z.B. VIRTUS ET HONOS, oder: Thu’ Recht, schen‘ Niemand, – Unschön, wenigstens nach meiner geringen Ansicht, sind zu lange Wahlsprüche, z.B. In mandatis tuis domine semper speravi oder solche, welche zu einem Adelswappen wenig paffen, z.B. TREUER DIENER, TREUER KNECHT oder VIRTUS SVDORE PARATUR, bei welch’ letzterem Wahlspruch man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie viel Schwitzens es dem Wappenherrn gekostet haben mag, bis er sich die Tugend zubereitet hatte.

Manche Wahlsprüche stehen mit dem Wappen selbst in ideeller Verbindung, z.B.

  • der v. Hohenlohe: EX FLAMMIS ORIOR, mit Bezug auf den Phönix des Kleinodes,
  • oder der v. Schlagintweit, welche ein Schwert und einen Pfeil im Schilde führen: DEO DUCE FERRO ET PENNA,

oder auf den Namen, z.B.

  • Grolée in Frankreich: Je suis grolée;
  • de Buttet, ibidem: Dieu seul mon but est.

Auch unsere Souveräne führen seit lange feststehende Devisen bei ihren Wappen, z.B.

  • S’nami bog (Rußland),
  • dasselbe deutsch: Gott mit uns (Preußen),
  • Furchtlos und trew- (Württemberg).

Eine besondere Art von Wahlspruch ist der cri d‘armes; das Schlachtgeschrei, der Kriegsruf, den die Herren und ihre Vasallen in wirklichen Schlachten gebrauchten, d.h. sich zuriefen, und der in Frankreich und England am Häufigsten gebraucht wurde. Diese cri’s bestanden öfters nur aus dem Namen der Herrn, z.B. Chateaubriand! Enghien! usw. Man findet zwar die Sitte des Schlachtrufes auch in Deutschland, aber in anderer Weise, d.h. nicht erblich in einem Haufe, sondern veränderlich bei jeder Gelegenheit. So z.B. war das Feldgeschrei der Bayern in der Schlacht bei Giengen 1462: Unser Frauen! und sie hatten zum Feldzeichen Eichenlaub; die Gegner, die Brandenburgischen, riefen: Römisch Reich! und ihr Zeichen war Birkenlaub .

Andere Rufe waren die der Anflehung eines Heiligen, z.B.

  • der Herzoge von Burgund: Notre dame de Bourgogne!
  • der Herzoge v. Anjou: Saint Maurice!

oder Rufe der Aufmunterung, des Selbstvertrauens, z.B. der Cri der Montmorency:

  • Dieu aide zu premier Chrestien! oder:
  • Dieu le veut wie Gottfried von Bouillon rief.

Der Schlachtruf der älteren römisch-deutschen Kaiser soll nach Menestrier gewesen sein: à dextre et senestre! d.h. die Aufforderung, rechts_und links dareinzuschlagen.

Die Guisen und Couchy in Flandern riefen: Platz dem Panner! oder Place à la Banniere! Der Ruf: Place place a madame! soll von den Deutschen im Heere des Delphins von Frankreich gebraucht worden sein.

Noch andere Cris endlich sind die, welche zur Sammlung, Bereinigung um einen Punkt auf forderten. Der bekannteste davon ist der der französischen Könige: MONTJOYE SAINT DENIS! Montjoye heißt altfranzösisch: Wegweiser oder Eckstein , und der Ruf heißt demnach: Sammelt euch um das Panier des hl. Dionisius, d.h. um die Reichsfahne von Frankreich.

Der artige Rufe findet man auch zuweilen auf Bändern über den betreffenden Wappen angebracht, wie z.B. das eben Montjoye Saint Denis im königl. französ. Wappen oder das Douglas! Douglas! über dem Wappen der Douglas.

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