OTvH: Handbuch, erster Teil Theoretische Heraldik (1861)

Namen und Begriff der Heraldik

Man unterscheidet in der Heraldik eine Wissenschaft und eine Kunst, und bezeichnet diese einzelnen Abteilungen mit den Namen Wappenkunde, science des armoiries, scientia heroica zum Gegensatz von Wappenkunst, ars heroica, art des armoiries.

Diese Unterscheidungen sind sehr treffend und stimmen gleichsam mit Theorie und Praxis anderer Zweige der Kunst und Wissenschaft überein. In keiner Wissenschaft aber sind die Gegenstände der Forschung und Produzierung so sehr und so ausschließlich Kunstprodukte als eben in der Wappenkunde, und es würde daher, wollte man allgemein und kollektiv den Namen Wappenkunst für Heraldik brauchen, dieser mehr gerechtfertigt sein, als der der Wappenkunde.

Die Bezeichnung Heraldik gibt den vereinigten Begriff des Wissens und des Könnens und ist daher für das Ganze als solches empfehlenswert, So soll auch der Heraldiker das vereinigte Wissen und Können in sich tragen. Mag man immerhin sagen, es sei nicht jedermanns Gabe, auch künstlerisch etwas leisten zu können — in der Heraldik erweist sich diese Entschuldigung als unzulänglich, ja als geradezu verderblich. Der wahre Heraldiker muss sein Wissen ebenso gut aus den Produkten der Kunst, als aus den Sätzen der Wissenschaft erholen und ebenso durch beide wiedergeben können. Der stete Wille überwindet wie überall so auch hier alle Bedenken und Schwierigkeiten.

Dass der Name Heraldik, heraldica, heraldry, von dem Worte Herold, Herault, Herald abgeleitet sei, ist kein Zweifel; dass aber Herold in seiner Ableitung mit heros, oder Speer und Alt (d.h. einem, der beim Heere alt geworden sei), oder mit Heer und Halt (d.h. einem, der ein Heer halten konnte) zusammenhänge, ist eine Annahme unserer früheren Heraldiker, werde ich bei ihren Würden lassen will.

V. Senkenberg in seiner Vorrede zu Detter’s „Wappenbelustigungen“ sagt, ald sei ein urdeutsches Wort für Knecht und Herald daher ein Knecht des Heeres. Demnach müssten unsere Ehehalten vielleicht auch mit den Heeralden oder Heerhalten ähnliche Ableitung haben.

Meines Erachtens ist Herold eine provinzielle Bezeichnung für Bote, insbesondere Gerichtsbote, und Ausrufer oder Waibel. In lateinischen Urkunden findet sich dieser Name mit praeco übersetzt. In England hat Herald noch, heutzutage den Nebenbegriff Bote, wie denn der Name bekannter Zeitungsblätter, wie Morning – Herald, Salisbury – Herald, daselbst unserem „Morgen=Bote» usw. entsprechen würde,

In ähnlicher Weise wie die Städte hatten auch die Fürsten ihre praecones oder Herolde, und als der Gebrauch der Wappen anfing, den Edel- und Lehensmann zu kennzeichnen, wurde den Herolden an den Höfen die Aufgabe, diese Bilder oder Wappen der Lehensleute ihrer Herren in der Erinnerung zu behalten, um darauf bezügliche Rechte und Unterschiede würdigen zu können. Bei den Turnieren hatten dergleichen Herolde die ähnliche Aufgabe, anerkannte Edelleute von nicht bekannten durch die vorgewiesenen Wappen zu unterscheiden, und es erhob sich diese Kenntnis der Wappen, welche wohl anfangs rein Gedächtnissache war, im Laufe der Zeiten mit der Vermehrung der Wappen selbst zu einer eigenen, ich möchte sagen zünftigen Wissenschaft, Indem man von den Wappenherolden Entschied über die Richtigkeit eines Wappens oder die Berechtigung zur Führung desselben von Seite einer Person oder eines Geschlechtes verlangte, wies man sie von selbst darauf hin, ihre heraldischen Erfahrungen in gewisse Begriffe und Regeln, sei es von Mund zu Mund, oder durch Schrift und Bild zu ordnen und sich zu überliefern.

In einer Zeit, in der Wappen und Waffen noch gleichbedeutend waren, in der man tägliche Anschauung dieser Dinge und ihre Gebrauches hatte, ließen sich in der Heraldik wohl leicht Erfahrungen und Kenntnisse sammeln; dennoch aber besitzen wir aus jener eigentlich heraldischen Zeit, dem 12. bis 15. Jahrhunderte, in Deutschland keine Lehrschrift der Heraldik und es scheinen bei uns diese Regeln demnach als zünftiges Geheimnis ungeschrieben von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden zu sein. Von bildlichen Denkmalen der Heroldskunst aber besitzen wir in Deutschland kein älteres, als die Sammlung von Wappen, welche zu Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts in Zürich angelegt wurde, und worüber ich unten bei den „Quellen“ Weiteres berichten werde.

Dass die Herolde, wenigstens die Wappenkönige, in früheren Zeiten selbst Wappengenossen gewesen waren und sein mussten, ist bekannt, und es war dies wegen des alten Rechtsbegriffs des Gerichtshofes unter Gleichen, auch wegen des vorkommenden Urteils in Adelssachen notwendig. Diese Sitte sollte auch heutzutage billigerweise noch bewahrt und geübt werden, wenn man berücksichtigt, dass es Dem Herolde als Vorstand eines Adelsamtes zustehe, Zeugnisse über Gültigkeit oder Proben eine Adels zu verlangen und zu geben.

Wenn nun auch die Heraldische Seite in der Amtstätigkeit der Herolde allmählich mehr sich geltend machte, so wurde doch in allen Zeiten und bis auf den heutigen Tag ihrer ursprünglichen Bestimmung und ihres damit verbundenen Amtes eine öffentlichen Boten und Ausrufers bei feierlichen Gelegenheiten nicht Vergessen, Bei Thronbesteigungen, Achts- und Kriegserklärungen, bei wichtigen öffentlichen Vorgängen, Ordensfesten werden sie in ihrer Amtstracht als unverletzliche Personen und Stellvertreter ihres Herrn usw. gebraucht.

Es finden sich auch Beschreibungen von Turnieren, Hochzeiten, fürstlichen Reisen aus der Feder von Wappenherolden, wofür das bekannte Turnierbuch des Heroldes Georg Rixner oder der Discours des céremonies Discours des cérémonies du mariage d’Anne de Foix avec Ladislas VI, Roi de Bohéme 1502 beschrieben durch Pierre choque genannt Bretagne, Wappenkönig als Beispiele dienen können. Dass die Wappenkönige und Herolde in früheren Zeiten und zum Teile noch heutzutage ihre besonderen Amtsnamen erhielten und oft mit Umgehung ihres Geschlechtsnamens mit diesem bezeichnet wurden ist bekannt. So hieß der französische Wappenkönig seit unvordenklichen Zeiten Mont-Joye, die Herolde waren Orléans, Bourgogne, Bretagne etc. Der erste kaiserliche Herold hieß: Teutschland, außerdem gab es noch Herolde, die Tirol, Brandenburg, Bayern usw. hießen. In England heißt der Hosenbandordenswappenkönig kurzweg Garter, die Herolde aber führen ebenfalls ihre Amtsnamen, z.B. Rouge Croix , Somerset usw.

Die Amtstracht der Herolde, von der wir viele Abbildungen aus verschiedenen Ländern und Zeiten besitzen, war natürlich auch den Wandlungen der Mode unterworfen, im Allgemeinen behielt sie aber als wesentliche Merkmale den Wappenrock, lat. Amiculum. franz. cotte d’armes, ital. sopravesta, engl. tabard, in Form eines Meßgewandes übergehängt, mit kurzen Ärmeln, rings mit Borten und Fransen in den Wappenfarben verziert, vorne und hinten mit dem Wappen oder Wappenbilde seines Herrn geschmückt. Der Wappenkönig trug und trägt überdies als besondere Auszeichnung noch einen Mantel. Die Zeremonien bei Einsetzung eines Wappenkönigs in Frankreich beschreibt Valliot S.381 ff. Daselbst sind auch Abbildungen von Wappenkönigen, Herolden und Persevanten damaliger Zeit, desgl. von österr. Herolden bei Herrgott, mon, dom, Austr, I., Tab. 21, S. 172, – In Frankreich war es auch Sitte, dass bei den Krönungen der Könige und Königinnen Alles, was der König oder die Königin dabei an Kleidern getragen hatten, dem Mont-Joye und seinen Dienern anheim fiel. Die Beinkleider sind in den ältesten Abbildungen zweifarbig, miparti, später wurden sie kurz bis zum Knie, gleichfarbig und durch Strümpfe ergänzt; auch Reiterstiefeln statt der Strümpfe und ebenso ganz moderne Beinkleider findet man auf manchen Abbildungen.

Die Kopfbedeckung war in ältesten Zeiten ein natürlicher oder künstlicher Kranz (Jungherrn- oder Ehrenkränzlein genannt), auch wohl ein gewundener zweifarbiger Bund, gleich den Helmpauschen, später findet man Barette und Federhüte der verschiedensten Form.

Das Amtszeichen des Heroldes war und ist ein kurzer STab. lat. baculus, franz. caducée, engl. rod, den er in den Händen trägt; in ältesten Zeiten ganz weiß, später gebändert, mit dem Wappen auf der Spitze usw.

Mit diesem Stabe geboten die Herolde Ruhe, und im rixner’schen Turnierbuch ist sogar ein Bild, auf welchem ein Herold oder Persevant sich in einem Hause zum Fenster herausneigt und den untenstehenden Troßbuben mit seinem Stabe winkt, wobei er, bildlich zu sprechen, „stilla ho!” ruft, – Ich gebe hier zur Veranschaulichung die Abbildung des bayerischen Heroldes vom J. 1544, welche mit der Unterschrift: „Des leblichen haws und herzog zu bairren Ernhold“ sich in Herzog Ferdinands Hofwappenbuch (Manuscript) findet. Die Zugabe des bayerischen Schildes, auf welchen der Herold gestützt ist, bleibt unwesentlich. Ich gebe ferner XXXVL, 1336 u. 1337 die Abbildung des Wappenkönigs vom Hosenbandorden und des Somerset Herolds nach Originalfotografien, welche mir die betreffenden Herren zuzuschicken die Güte hatten. Der Hosenbandwappenkönig ist in seinem karmoisinroten seidenen Königsmantel mit dem Georgenschilde auf der Schulter und dem Zepter in der Hand – der Somerset im Wappenrock mit der silbernen Somersetkette um den Hals dargestellt. Die unter dem tabard getragene Uniform ist blau mit goldgestickten schwarzen Aufschlägen, die Beinkleider gleichfalls blau mit breiten goldenen Seitenstreifen. Die Bänder an den Schultern sind von hochroter Seide.

Nach diesen Erinnerungen über das äußere Auftreten der Herolde dürfen wir billigerweise auch nicht vergessen lassen, dass wir nicht nur den Namen der Heraldik, sondern auch das ursprüngliche Wissen in diesem Fache ihnen verdanken, Wie lange sie auch diese ihre Kenntnisse geheimnisvoll unter sich bewahrt und erhalten haben mochten, es kam, wie bei allen andern Geheimnissen, die Zeit, in der sie nicht länger mehr zurückgehalten werden konnten – merkwürdiger Weise aber müssen wir ersehen, dass zur Zeit der Aufschließung und Verbreitung jener heraldischen Weisheit diese entweder nicht mehr verstanden wurde oder schon längst im Verfall begriffen war, Denn betrachtet man die erste deutsche Lehrschrift über Heraldik, so muss man staunen, wie wenig reelles heraldisches Wissen damals mehr vorhanden war , man müsste denn behaupten wollen, dass Harsdörffer gerade den ungeschicktesten Heraldiker zum Autor der betr. Abteilung gewählt habe.

Der kurze Auszug aus diesem, übrigens ziemlich seltenen Buche, wird den Leser von der gänzlich verkehrten und verdorbenen Richtung überzeugen, die schon das erste Auftreten heraldischer Wissenschaft bei uns in Deutschland kundgibt. Nebenbei geht hervor, dass dem Verfasser des Gespräches französische Bücher zur Quelle seines Wissens dienten, und es lässt sich im Zusammenhalt mit anderweitigen Erfahrungen überhaupt feststellen, dass unsere deutsche Heraldik, soweit sie schriftstellerisch sein wollte, von ihrem ersten wissenschaftlichen Auftreten an keinen selbstständigen, sondern einen ins Deutsche übersetzten französischen Geschmack mit zur Welt gebracht habe, Hiermit stimmt auch die schon erwähnte Tatsache, dass unser erster größerer Heraldiker, J.V. Spener, seine Weisheit aus den Werken unserer Nachbarn schöpfte, und doch ist die Entwicklung und der Charakter der französischen und beziehungsweise englischen, spanischen, italienischen Heraldik der deutschen gegenüber so grundverschieden als der Charakter der Nationen selbst.

Gleichwie also die Produkte der Heraldik sich nach ihrem Ursprung im weiteren Sinne – nach ihrer Nationalität – kenntlich machen, so unterscheiden sie sich unter sich wieder in Beziehung auf ihren Ursprung im engeren Sinne, d.h. auf die Zeit, in welcher sie entstanden sind, und auch in diesen beiden Beziehungen hat die neue Heraldik das Verdienst, zuerst Wege zum Verständnis angebahnt zu haben. Mit der geschehenen Bestimmung des Ursprungs im obigen Sinne ist schon ein wesentlicher Schritt in der Bestimmung oder Erklärung eines unbekannten Wappens getan, und ich werde Gelegenheit haben, dies im II. Teil des Buches durch Beispiele praktisch zu beweisen.

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